09.05.2016

Heiratsmigration in Indien – Frauenhandel, Arbeitsmigration oder auch Chance?

Wer nicht verheiratet ist, ist von der Gesellschaft ausgeschlossen - in Indien ist die Ehe weiterhin eine gesellschaftliche Pflicht. In Zeiten, in denen es in einigen Regionen Indiens eklatant weniger Frauen als Männer gibt, wird das zum Problem. Daher nimmt auch die Heiratsmigration zu. Die Heinrich Böll Stiftung informiert zu diesem Thema in einem Interview mit der Soziologin Ravinder Kaur.

Der Männerüberschuss ist Folge jahrzehntelanger Bevorzugung von Jungen und der Diskriminierung und Abtreibung von Mädchen. Besonders gravierend ist die Situation in den Bundesstaaten Punjab, Uttar Pradesh und Haryana: 2011 trafen auf 1000 Männer gerade einmal 877 Frauen. Nach jahrelanger Suche verlangen viele Männer nicht einmal eine Mitgift von der Brautfamilie. Aufgrund eines niedrigen sozialen Status bleiben aber vor allem weniger gut Gebildete, mit wenig oder keinem Grundbesitz auf dem hart umkämpften Heiratsmarkt erfolglos.

Infolgedessen haben sich informelle Netzwerke herausgebildet, durch die Bräute aus östlichen und südlichen Bundesstaaten in den, teilweise über 1000 km entfernten Norden migrieren. Nicht-gewerblich werden die Ehen von bereits migrierten Frauen organisiert, die Bräute in ihrer eigenen Heimat anwerben. Sie stammen meist aus armen Familien, für die die lokal übliche Mitgift den finanziellen Ruin bedeutet. Auch für geschiedene, getrennte und verwitwete Frauen stellt die Heiratsmigration oft die einzige Möglichkeit dar. Sie sind nach wie vor stigmatisiert und können in ihrer eigenen Gemeinschaft kaum erneut heiraten.
Mit der interregionalen Ehe blicken die Frauen in eine ungewisse Zukunft. Sie überwinden neben geographischen Grenzen auch Kultur, manchmal sogar Religion und müssen sich an andere Sprachen und Gebräuche gewöhnen. Der Abschied von ihrer bisherigen Familie ist meist endgültig und in ihrer neuen Familie haben sie in ihrer Rolle als Ehefrau viele Erwartungen zu erfüllen. Da die Geschlechterrollen in Nordindien nach wie vor starrer sind als im Süden, werden sie in erster Linie als Hilfen im Haushalt und in der Landwirtschaft angesehen. Besonders ärmere Frauen werden häufig daran erinnert, dass sie „gekauft“ und daher „Eigentum“ der Familie sind, in die sie eingeheiratet haben.

In der Öffentlichkeit wird die interregionale Ehe auch als Form von Menschenhandel, Brautkauf oder gar Sexsklaverei diskutiert und als Kommerzialisierung der Frauen verurteilt. Diese Vereinfachung lehnt die Soziologieprofessorin ab und ruft zu einer differenzierten Betrachtung des gesellschaftlichen Phänomens auf.
Es gäbe die dunkle Seite, die Fälle des Menschenhandels. 
Heiratsmigration sei aber auch eine Chance, wenn die Ehen nicht kommerziell, sondern von bereits migrierten Frauen arrangiert würden. „Wenn sie nun Frauen aus ihrem Heimatdorf dazu bewegen können, einen Mann aus ihrer neuen Gemeinde zu heiraten, und zwar ohne Mitgift, dann formen sie gleichzeitig eine Gemeinschaft für sich.“ 

Aus Sicht von Ravinder Kaur könnte die interregionale Ehen langfristig sogar die die rigiden Vorstellungen des indischen Ehesystems aufweichen. „Es gibt viele Arten von Ehen und die interregionale Ehe nur als Brautkauf zu sehen, ist eine unzulässige Vereinfachung. Alle arrangierten Ehen sind in gewisser Weise eine wirtschaftliche Transaktion“, so die Soziologin. Und die Probleme sind bei traditionell arrangierten Ehen im Allgemeinen ähnlich. Die Frau verlässt ihre eigene Familie und zieht zu dem Familienverband des Mannes, meist in ein anderes Dorf oder eine Region und steht dort auf unterster Stufe der Hierarchie.
Wir von der ASW sind, was die Chancen der interregionalen Ehe anbetrifft, eher skeptisch. In ihrer Kritik am indischen Staat, der seine Aufgaben nicht erfüllt und die Frauen alleine lässt, stimmen wir Ravinder Kaur uneingeschränkt zu.

Quelle: Caroline Bertram: Bräute für Indiens Norden – Über Heiratsmigration und Frauenmangel. In: Heinrich Böll Stiftung: Ein Kontinent in Bewegung – Migration in Asien


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