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    01.09.2007

    Das aufstrebende Indien verschließt die Augen vor dem Hungerproblem

    500 Menschen sind laut Recherchen des Zentrums für Umwelt und Nahrungssicherheit Neu-Delhi (Centre for Environment and Food-Security) in wenigen Monaten im Westen Orissas an Hunger gestorben. Doch solche Fälle erwecken in Indien kaum mehr Mitgefühl und sie erreichen nicht mehr die Titelseiten der Zeitungen. Hunger ist zu einem Nicht-Thema geworden; zu etwas, wovor man die Augen verschließt, sagt Devinder Sharma, Journalist und Autor von Büchern wie „In the Famine Trap/In der Hungerfalle“ in einem aktuellen Beitrag.

     

    Geschätzte 320 Millionen Menschen in Indien leiden unter Nahrungsunsicherheit. Sharma vermutet, dass diese Zahlen zu niedrig angesetzt sind. Berechnungen der „National Commission for Enterprises in the Unorganised Sector/ Kommission für Unternehmen im informellen Sektior)“ besagen, dass 836 Millionen Menschen von weniger als 20 Rupien (weniger als ein halber Euro) pro Tag überleben. 20 Rupien reichen aber bei weitem nicht für zwei auch nur halbwegs anständige Mahlzeiten am Tag.

    Vor diesem Hintergrund erscheinen Informationen über Betrügereien im Public Distribution System (PDS, staatliches Nahrungsmittelverteilungssystem) sehr delikat. Das „Ministry of Consumer Affairs , Food and Public Distribution/ Ministerium für Ernährung u.a.“ schätzt, dass in den vergangenen drei Jahren 53,3 Prozent des Weizen und 39 Prozent des Reises, der für die Verteilung an die Ärmsten der Armen vorgesehen war, einfach verschwunden sind.

    Wissend, dass Nahrungsmittel aus diesem Programm die Armen gar nicht erreichen und unbeeindruckt von Berichten über Hunger und Fehlernährung, plant ein anderes Referat desselben Ministeriums nun eine Verdoppelung der Preise für jene Getreidemengen, die an das Mittagsmahl-Programm für Schulkinder gehen. Nach dieser Preiserhöhung wird es wohl kaum mehr garantiertes Mittagessen für 120 Millionen Kinder geben. Dabei wäre sogar eine Ausdehnung des Mittagsmahl-Programmes auf weitere 30 Millionen Kinder notwendig, denn in Indien sterben 5000 Kinder pro Tag an Unterernährung bzw. an mit dieser verbundenen Krankheiten.

    Das Paradox von weit verbreitetem akutem Hunger inmitten ausreichender Nahrungsbestände existiert in einer Zeit, in der Indien auf einer Hochwachstumskurve balanciert. „Politiker, Planer und Ökonomen erzählen uns, dass ein möglicher kurzfristiger Anstieg der Armut ein Preis sei, der für langfristiges Wachstum und Stabilität entrichtet werden müsse“, so Sharma. Dieser Politikerlogik zufolge müssten die Angehörigen der 500 Toten in Orissa akzeptieren, dass ihre Nächsten einfach bezahlt haben für das Wachstum des Landes.

    Devinder Sharma, InfoChange, September 2007

    01.09.2007

     

     

     

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