01.07.2016

Menschenrechtsverletzungen, die Schattenseite des Rohstoffbooms in Indien

Bauxit, Eisenerz, Kohle oder Granitstein – Indien ist reich an mineralischen Ressourcen und ihre Gewinnung und Verarbeitung ist eine Säule des indischen Wirtschaftswachstums. Mit 7,4 Prozent ist es im internationalen Vergleich noch immer hoch. Doch die Schattenseite des indischen Erfolgsmodells ist nicht zu übersehen. Gerade im Kohle-, Eisenerz- oder Bauxitabbau werden Menschenrechte im großen Maße missachtet und verletzt.

Die meisten ArbeiterInnen in diesen Sektoren sind Angehörige aus niedrigen Kasten. Sie werden extrem ausgebeutet und verdienen weit unter dem Mindestlohn. Geschützt werden sie weder durch Sicherheitsstandards noch durch eine Gesundheitsversorgung. Auch Kinderarbeit ist verbreitet, Schätzungen zufolge arbeiten 45.000 Kinder unter 14 Jahren in Bergwerken, andere Quellen gehen sogar von 200.000 nur im Bundesstaat Karnataka aus. Westliche Unternehmen, die die indische Ware importieren, halten sich nur selten an Regeln freiwilliger Unternehmensverantwortung und sind an Mindeststandards und der Durchsetzung von Menschenrechten in der Arbeitswelt wenig interessiert.

Indiens indigene Gruppen, die Adivasi, leiden am stärksten unter dem Ressourcenabbau. Denn viele Lagerstätten für Bauxit und Eisenerz liegen in ihren Siedlungsgebieten. Der Schutz, der ihnen die indische Verfassung und entsprechende Gesetze gewähren, ist unzureichend. Die Regelung, dass die Gemeinschaften über Nutzung von Land, Wasser und Wald selbst entscheiden dürfen, wird immer häufiger umgangen. Denn auf Bundes- und Landesebene hat die indische Regierung wirtschaftliches Wachstum als erste Priorität angesetzt. Laut einer Studie mussten zwischen 1951 und 2000 15-20 Millionen Adivasi aufgrund von Rohstoff-, Industrie- und Infrastrukturprojekten ihre Heimat verlassen.

Um die Projekte verwirklichen zu können ist jedes Mittel recht - von Rechtsbeugung bis hin zur direkten Gewaltausübung. Entschädigungen fallen zu niedrig aus oder werden überhaupt nicht gezahlt, Verfahren wie die zwingende Konsultation mit den Dörfern werden manipuliert. Aktivisten und NGOs werden von Betreibern der Bergwerke, aber auch von staatlichen Behörden unter Druck gesetzt. Kampagnen gegen Rohstoffgewinnung wurden bereits als Gefährdung der nationalen Sicherheit eingestuft.

Dagegen fordert der lokale und internationale Widerstand die indischen Regierungsinstitutionen auf, partizipative Streitschlichtungsverfahren einzurichten und anzuwenden. Die Proteste richten sich also nicht grundsätzlich gegen Rohstoffabbau, sondern gegen das Übergehen der lokalen Gemeinschaften bei Entscheidungen über die Nutzung ihres Landes und der dazugehörigen Ressourcen. Es geht um ein selbstbestimmtes Leben.

Wer mehr über die Gier nach Rohstoffen in Indien, die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse, den lokalen Widerstand und über Möglichkeiten internationaler Solidarität erfahren will, kann sich beim Südasienhaus Köln die Broschüre „Ressourcenabbau in Indien – Konflikte um Rechtsstaat und Menschenrechte“ von Theodor Rathgeber herunterladen. Theo Rathgeber ist Mitglied der Adivasi-Koordination Deutschland, mit der die ASW bei Kampagnen zusammenarbeitet.

Gegen Menschenrechts- und Kinderrechtsverletzungen im Granitabbau setzt sich in Andhra Pradesh die ASW-Partnerorganisation AWARD ein.


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