11.12.2013

Sumangali: Sklavenähnliche Verhältnisse in Indiens Garnfabriken

Sumangali bedeutet in Tamil „glückliche Braut“ und ist ein besonders perfides System, mit dem Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren von den Spinnereien des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu geködert werden. Kleidung aus dem dort produzierten Garn wird auch in deutschen Textilgeschäften verramscht. Die indische Aktivistin Maheshwari Murugan arbeitete als junge Frau selbst drei Jahre lang in einer solchen Spinnerei. Von den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen berichtete sie, zusammen mit ihrer Mitstreiterin Anita Cheria, auf einer Vortragsreise durch Deutschland, die durch die Frauenrechtsorganisation Femnet e.V. organisiert wurde.

In Tamil Nadu, Indiens Textil-Eldorado, stehen rund 2.200 Spinnereien, die geschätzte 200.000 junge Frauen unter dem Sumangali-System ausbeuten. „Eine Ausbildung können die Mädchen in den Fabriken machen, für bequeme Unterkunft und regelmäßige Verpflegung ist gesorgt, man kümmere sich um sie und nach den drei Vertragsjahren würden die Mädchen eine Prämie ausgezahlt bekommen, die sie für ihre Aussteuer einsetzten können.“ Mit solchen Versprechen werden die Mädchen aus armen Familien in die Obhut der Garnfabriken gelockt. Von der tatsächlichen Situation in den Spinnereien ist aus gutem Grund keine Rede: Eine 72-Stunden und mehr Woche, anstrengende Arbeiten unter schlechten Bedingungen, ständige Kontrollen, Beschimpfungen bis hin zu Schlägen und sexuellem Missbrauch müssen die Mädchen über sich ergehen lassen.
Verlassen die jungen Frauen vor Vertragsende die Spinnerei, werden sie von der versprochenen Prämie überhaupt nichts sehen. Die Verzweiflung der oft Minderjährigen, dem unmenschlichen Fabrikalltag zu entfliehen, endet nicht selten im Suizidversuch. Allein im Jahr 2010 beendeten laut einer niederländischen Studie über 100 Sumangali-Frauen ihr junges Leben durch das Anzünden mit Benzin oder das Trinken von fabrikeigenen Pestiziden.

Über 60 Prozent der Sumangali-Mädchen gehören den kastenlosen Dalits an. Aufgrund der großen Armut ist für die Familien die Aussicht, dass die Tochter die zur Verheiratung notwendige Mitgift in den Spinnereien selbst erwirtschaftet, besonders verlockend. Um Mädchen vor dieser Form der Sklaverei zu bewahren, klärt Maheshwari Murugans Organisation READ arme Familien über das wahre Wesen des Sumangali-Systems auf.

Auch ASW-Partner bewahren Dalitmädchen in Indien vor Zwangsarbeit, Menschenhandel und einem der typischen schmutzigen Kastenberufe. Indem sie ihnen zum Beispiel, wie die Organisation SODHANA, eine Ausbildung anbieten, mit der sie jenseits der typischen Kastenberufe eine Zukunft finden.

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Maheshwari Murungan (links) und Anita Cheria in Deutschland. Foto: Femnet e.V.