„Viele kleine Leute an vielen Orten können das Gesicht der Welt verändern“


Interview mit Reinhild Schepers

Wie erinnerst du dich an deine ersten Jahre bei der ASW?

Es war eine spannende und turbulente Zeit, weil ja nicht nur die Solidaritätsbewegung sehr aktiv war und breite Unterstützung fand, sondern auch die Frauen-, Umwelt-, Menschenrechts- und Friedensbewegung erstarkten. Ein merklicher Einschnitt war sicherlich das Auslaufen der Kinderpatenschaften und die zunehmende Konzentration auf Projekte, bei denen Frauenselbsthilfe, Umweltschutz und Menschenrechte im Mittelpunkt stehen. Dabei mussten wir lernen, dass sich eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen und basisdemokratisch orientierte Strukturen nur schrittweise umsetzen lassen.

 

In den 70ern war die ASW auch solidarisch mit den letzten Befreiungsbewegungen - Kapverden, Südafrika, Simbabwe und Westsahara. Wie positionierte sich die ASW zu diesen?

Es war Konsens, dass eine direkte Unterstützung des bewaffneten Kampfes nicht in unseren Förderansatz passt. Zielsetzung der Projektunterstützung war immer konstruktive, konkrete Verbesserung der Lebenssituation der Menschen. Befreiungsbewegungen, die an die Macht gekommen waren wie 1975 in Vietnam, lösten bei uns viele Diskussionen aus. Es gab da ein Spannungsfeld von Solidarität, kritischer Distanz und Begleitung. Eine Kooperation mit der ‚Kinderhilfe Vietnam‘ hatte die ASW nach längeren Debatten schließlich eingestellt. Denn wir waren zur Kooperation mit staatlichen Stellen gezwungen, wollten aber direkte Kontakte zu den Partnern.

Der ANC in Südafrika und die ZANU für ein freies Simbabwe wurden, soviel ich weiß, nicht direkt unterstützt. Aber es gab eine Zusammenarbeit mit dem Black Consciousness-Movement von Steve Biko.

 

 

In den Kapverden gab es seit 1977, also zwei Jahre nach der Unabhängigkeit, Projekte. Kooperationspartner war das Solidaritätsinstitut von Kapverde.

Die Zusammenarbeit war von Anfang an gut, weil das Institut, obwohl staatsnah, recht flexibel war. Seine Aufgabe war, mit ausländischen NROs zu kooperieren, Projektkontakte herzustellen, Überfinanzierung zu vermeiden und Besuchsreisen zu organisieren. Mit dem ersten Projekt, der Granja de São Filipe förderte die ASW eine vorberufliche Ausbildung von ehemaligen Straßenjungen und Waisen im Bereich Landwirtschaft und Schreinerei. Meine Frage nach Frauenprojekten führte zur Zusammenarbeit mit einem Ausbildungsprojekt der kapverdischen Frauenorganisation. Ich lernte es bei einer Projektbesuchsreise 1979 kennen, die ich zusammen mit dem WFD-Referenten* für deren Projekt auf der Insel Maio gemacht hatte.

Neben dem Solidaritätsinstitut, das uns die länger laufenden Projekte vermittelte und Funktionen wie das CWS-Büro in Indien wahrnehmen konnte, war der Kontakt zu den WFD- und anderen Entwicklungshelfern wichtig. Über sie bekamen wir Kontakte zu Initiativen, die manchmal nur eine einmalige Starthilfe brauchten wie ein Aufforstungsprojekt oder eine selbstorganisierte Werkstatt mit Ausbildung Jugendlicher.

 

Warum begann die Lateinamerikaarbeit so spät? Erst seit 1984 gab es mit Elmar Schwalbach Forck einen festen Mitarbeiter für Lateinamerika.

Die Idee kam schon früher, als es nach dem Auslaufen der Patenschaften einen Spendenknick gab. Aber es war klar, dass der Aufbau nicht einfach sein würde. Denn es gab viele NROs mit Lateinamerika-Projektarbeit. Über die Zusammenarbeit der ASW im Berliner Forum entwicklungspolitischer Gruppen und ab Anfang der 80er im Bildungs- und Aktionszentrum Dritte Welt lernten wir mehrere Engagierte kennen. Einige wie Elmar wurden Mitglied und stellten ein Konzept für den Aufbau vor.

 

Die positive Entwicklung in Nicaragua trug dazu bei, das neue Referat bekannt zu machen. Und der erste Weihnachtsaufruf zu Nicaragua war sehr erfolgreich. Aber da Spenden für eine Hühnerfarm gesammelt wurden, bekamen wir plötzlich mit, dass sich eine neue kleine Bewegung zum Spenderkreis gesellt hatte, die vegetarische. Elmar erhielt viele kritische Zuschriften und verfasste nach Diskussion in der Redaktionsgruppe und Recherche über die Qualitäten von tierischem und pflanzlichem Eiweiß einen ausführlichen Artikel für die SW.

 

Es gab die Idee, im Senegal oder in Lateinamerika Büros vor Ort aufzubauen wie in Indien. Warum konnte das nicht umgesetzt werden?

Vielleicht lag es daran, dass in diesen Ländern weniger Projekte über größere Distanzen verstreut waren und sind. Für die Kapverden hatte ich ja eine praktikable Variante. Im Senegal und Südlichen Afrika wurde Ähnliches versucht und es ergaben sich mehrere Kontakte über Entwicklungshelfer oder selbstständige ProjektberaterInnen oder über das Beratungs-/Studienzentrum ENDA-Thies.

 

Du hast mit deiner Arbeit dazu beigetragen, dass in der ASW-Projektarbeit ein Frauenschwerpunkt etabliert wurde...

In Indien und im Westafrika gab es schon sehr bald nach der Neuorientierung Anfang 1980 informelle Bildungsarbeit in kleinen Frauengruppen oder Projekte zur Arbeitserleichterung oder um eigene Einkommensquellen zu erschließen. Über eine sehr engagierte WFD-Entwicklungshelferin erhielten wir einen Antrag zur Finanzierung von Hirsemühlen im Senegal, der gleich die Frage aufwarf: Ist ein Projekt ein Frauenprojekt, wenn es zwar die zeitaufwendige Arbeit des Hirsestampfens abnimmt, aber dann die Maschine von einem Techniker bedient wird? Dem Antrag wurde zugestimmt unter der Voraussetzung, dass die Frauengruppe die Mühle betrieb und den Mann anstellen und mit dem Erlös weitere Projekte umsetzen konnte.

 

Was war aus Sicht der damaligen ASW der Schlüssel zur Stärkung von Frauen?

Zu Anfang wurden speziell Einkommen schaffende Projekte von und für Frauen unterstützt wie Gemüseanbau für den lokalen Markt, dann kam der Ressourcenschutz hinzu. Daneben wurden Ausbildungsprojekte sowie Information über Frauenrechte gefördert. Der Schlüssel war die gemeinsame Aktivität, der Austausch und Zusammenhalt in einer Gruppe - auch wenn sie zunächst eine ‚Powerfrau‘ als Motor brauchte.

Aber wie besteht die Frauengruppe, die zunächst ein geschützter Raum zur Emanzipation von alten Rollenmustern ist, die Auseinandersetzung mit der etablierten dörflichen Elite? Oft wurden die Projekte nur eine begrenzte Zeit unterstützt und wir konnten die Entwicklung nicht länger weiterverfolgen. Aber manchmal erfuhren wir, dass Projekte sich weiterentwickelt haben und Nachahmung in der Region fanden.

 

Wie wurden die Frauenrechte diskutiert? Frauen im Süden hatten den Frauen im Norden ja oft Eurozentrismus oder gar Arroganz vorgeworfen.

Aufgrund unserer Basisprojekte ohne europäische Experten vor Ort kam es kaum zu solchen Vorwürfen. Für die Projektauswahl war entscheidend, was die beteiligten Frauen von sich aus schon auf die Beine gestellt hatten und was sie aus ihrer genauen Kenntnis der Situation als nächste Schritte fördern lassen wollten.

Wir standen hier im Austausch mit dem neuen Frauenforschungsbereich an der Uni Bielefeld, die sich zeitweise speziell mit dem Thema Empowerment durch Stärkung der unabhängigen Subsistenzwirtschaft beschäftigt haben. Es war durchaus so, dass die Unifrauen an unseren Erfahrungen mit konkreten Frauenprojekten interessiert waren.

Insgesamt bewegten wir uns immer zwischen den beiden Polen Theorie und Praxis: weitreichende Zielformulierung hier, kleine, aber wichtige Schritte dort. Nicht zufällig hatten wir in unser Faltblatt zum neuen Selbstverständnis der ASW das afrikanische Sprichwort aufgenommen: „Viele kleine Leute, an vielen Orten, die viele, kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“.

 

Wenn du heute auf diese ganze Zeitspanne blickst. Was ist aus deiner Sicht das Wichtigste, was die ASW getan hat und was sie erreicht hat?

Die beiden großen Umstrukturierungen der Projekt- und der Büroarbeit, die frühe Entscheidung, vorrangig Frauen-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zu unterstützen und der Informations- und Bildungsarbeit über die globalen Zusammenhänge zwischen Armut und Reichtum sowie den Gegenbewegungen mehr Gewicht zu geben. Daneben trug die Vernetzung mit der entwicklungspolitischen Szene, aber auch anderen Teilen der alternativer Bewegungen bis hin zu größeren Trägern der Entwicklungszusammenarbeit viele Früchte. So hat die ASW als aktiver Teil bundesweiter Kampagnen auch zum Schutz der Amazonas-Regenwälder oder indigener Gebiete in Indien beigetragen.

Reinhild Schepers

kam 1979 zur ASW und war 10 Jahre lang für die Projekte auf den Kapverden, von 1981 bis 1994 für die Redaktion der SW und für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit zuständig. Sie war an der Etablierung des Schwerpunktes Frauenstärkung und Umweltschutzprojekte in der ASW beteiligt. Vorher hat sie ein Jahr beim WFD im Bereich der Informationsarbeit für das neue Kapverden-Projekt gearbeitet. Das Foto zeigt sie (4.v.l.) zusammen mit dem indischen Umweltaktivisten Sunderlal Bahuguna (2.v.l).