25 Jahre danach - Rückblick auf die ASW in der Narmada-Kampagne

Seit drei Jahrzehnten kämpft eine internationale Bewegung gegen das Narmada-„Entwicklungsprojekt“ in Indien. An dem fünftgrößten Fluss des Subkontinents und seinen Nebenflüssen sollen eine unübersehbare Zahl an Teil-Staudämmen und einige Großstaudämme entstehen und zur Stromversorgung Indiens beitragen. Zahlreiche Dämme, darunter der 138 Meter hohe Sardar Sarovar Damm, sind mittlerweile fertiggestellt und Zehntausende von Menschen haben Haus und Felder verloren – ohne je angemessen entschädigt worden zu sein.

Der Motor des Widerstandes war vor 30 Jahren zunächst der Kampf gegen das Sardar Sarovar-Projekt. Die zahlreichen und ausdauernden Aktionen der starken indischen, europäischen, japanischen und amerikanischen Gruppen haben 1993 immerhin dazu geführt, dass die Weltbank aus der Finanzierung des Projektes ausgestiegen ist. Auch die ASW war damals wesentlicher Teil der Widerstandsachse - sie hatte dazu extra eine Kampagnenstelle eingerichtet. Unsere große Postkartenaktion in Deutschland hat damals dazu beigetragen, dass sich das deutsche Entwicklungsministerium BMZ aus dem Sardar-Sarovar-Staudamm zurückzog und seinen Einfluss bei der Weltbank geltend machte.

 

Mit Zeilen unseres ehemaligen Indienreferenten Bernd Scheel wollen wir die bewegte Zeit von damals in Erinnerung bringen:

Narmada-Aktivistin Medha Patkar Anfang der 1990er Jahre

"Hören Sie endlich auf, Postkarten zu schicken",

- ließ die Vertreterin des Indien-Referats des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) die Narmada-Kampagnen-Mitarbeiterin der ASW in einem Telefonat wissen. Zehntausende von Karten müssen das BMZ damals erreicht haben. Viele waren von der ASW gedruckt und zu Hunderten verschickt worden, aber so manche Solidaritätsgruppe fotokopierte die Karten selbst oder entwarf eigene Postkarten und Briefe. Es ging um eines der größten Staudammprojekte der Welt, den „Sardar-Sarovar-Damm“ an der Narmada in Nordwestindien.

Über 200.000 Menschen, meist Angehörigeder indischen Urbevölkerung, sollten wegen des entstehenden Stausees umgesiedelt werden, weitere Hunderttausende hätten ihre Existenzgrundlage verloren.

Anfang der 80er-Jahre formierte sich der Widerstand in der „Narmada Bachao Andolan“ (NBA – „Bewegung zur Rettung der Narmada“) unter der Führung der charismatischen Medha Patkar, die 1991 den „Alternativen Nobelpreis“ („Right Livelihood Award“) für die NBA in Empfang nahm.

Ende der 80er-Jahre wuchs der internationale Widerstand gegen das Staudammprojekt und insbesondere gegen den von der Weltbank finanzierten Kredit über 450 Millionen Dollar. Die Kampagne forderte den Ausstieg aus dem Projekt, denn letztendlich waren es Steuergelder aus den Weltbank-Mitgliedsländern, die in den „Sardar Sarovar-Damm“ flossen. Die Bundesrepublik Deutschland gehörte zu den größten Beitragszahlern der Weltbank. Nach einem Treffen mit Vertretern der Narmada Bachao Andolan in Pune, Indien, schloss sich die ASW einer „Informationsachse“ an: Wichtige Informationen kamen aus Washington vom „International Rivers’ Network“ und dem Rechtsanwalt Bruce Rich, der als ehemaliger Weltbank-Mitarbeiter über ausgezeichnete Kontakte in die Institution verfügte. Östlichster Punkt der Achse war Tokio, wo Turbinen für den Staudamm gebaut werden sollten und „Friends of the Earth“ Front gegen das Projekt machte. In der Mitte lag die ASW, die Kontakt mit Gruppen in Schweden, Dänemark, Finnland, Österreich, Schweiz, Frankreich und Großbritannien aufbaute.

Je nach Tageszeit übermittelte die NBA ihre Informationen – per Fax, Email gab es noch kaum – nach Tokio, Berlin oder Washington, von wo aus sie weiter verteilt und publiziert wurden.

Wir weichen nicht – auch wenn wir sterben

Der Staudamm war schon so weit errichtet, dass es während der Regenzeit in einigen Dörfern nahe der Staumauer zu Überflutungen kam. In Manibeli hatten sich unter der Führung von Medha Patkar „Freitod-Kommandos“ gebildet, die mit den Dörfern untergehen wollten. Tagelang harrten die Menschen in brusttiefem Wasser aus, wurden aber in der Regel von der Polizei verhaftet. Die Bilder gingen um die Welt. Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ veröffentlichte eine zehnseitige Fotoreportage. Die Kampagne wurde zum Selbstläufer. Evangelische wie katholische Organisationen, Gewerkschaftsgliederungen, die – inzwischen in Ansätzen vereinigte –deutsche Umwelt- und Friedensbewegung schlossen sich an und verstärkten den Druck auf das Bundesministerium. Nachdem eine von der Weltbank in Auftrag gegebene 600-seitige Studie dem Sardar Sarovar-Damm schwerwiegende Mängel im Umwelt- und Umsiedlungsbereich attestiert hatte, kippte das deutsche Ministerium.

Vertreter weiterer europäischer Regierungen in der Weltbank schlossen sich an. Die Weltbank konnte sich dem Druck nicht entziehen und gab der indischen Regierung Gelegenheit, von sich aus auf den Kredit zu verzichten, um das Gesicht zu wahren. Das Ende des Sardar Sarovar-Staudamms war dies leider nicht. Das Prestige-Projekt der indischen Regierung wurde weitergebaut. Unzählige Gerichtsprozesse konnten den Bau des Staudamms an der Narmada nur verzögern. Der Widerstand geht auch heute noch weiter.  

Die ASW war Anfang der 1990er wichtiges Glied der Widerstandsachse gegen die Narmadastaudämme.