Das Ohr an der Basis - Interview mit Dr. Gnana Prakasam

Kannst du kurz sagen, was aus indischer Sicht das Besondere am Centre for World Solidarity, CWS, ist?

Wir sind eine vermittelnde Organisation zwischen der Grassrootsebene und den Geldgebern. Aufgrund unserer Nähe zu den Gruppen an der Basis verstehen wir ihre Probleme und können ihre Anliegen direkt aufgreifen. Wir bereiten diese dann für die Geber, die teils in Europa sitzen, auf.

Und wir bringen die Grassroots-Ebene auch in indische Kampagnen auf Distrikt-, Bundesstaaten- und nationaler Ebene ein.


Aber eure MitarbeiterInnen kommen oft aus der gebildeten Mittelschicht. Finden sie eine gemeinsame Sprache mit den ländlichen Gemeinschaften?

Es stimmt, dass viele unserer MitarbeiterInnen aus der Mittelschicht kommen. Aber sie bringen die richtige Perspektive mit. Bei Einstellungen von Leuten achten wir zuallererst darauf, dass sie ein Commitment für soziale Gerechtigkeit haben, dass sie Gender-sensitiv sind und dass sie sich für die Marginalisierten öffnen können. Das nennen wir Perspektive. Wenn die Leute diese mitbringen, dann bleiben sie lange bei uns und identifizieren sich mit ihrer Arbeit.

Wo es um die Stärkung von Dalits geht, stellen wir natürlich bevorzugt Dalits ein. Wo es um Frauenthemen geht, stellen wir Frauen ein.


Wie sind denn Frauen insgesamt im CWS vertreten?

Bei den Mitarbeitern sind es insgesamt 47 Prozent. Und im 9-köpfigen Vorstand haben wir 5 Frauen und 4 Männer. Seit der Gründung des CWS 1992 und bis heute ist die geschäftsführende Vorsitzende des Vorstandes immer eine Frau gewesen.


Das CWS hat thematische Schwerpunkte und ist auf die Zielgruppen Frauen, Dalits, Adivasi und die moslemische Minderheit fokussiert. Wie kommt ihr dazu?

Durch unsere direkte Anbindung an die lokalen NGOs und Menschen vor Ort können wir Themen und Zielgruppen gut identifizieren. Die Ergebnisse gießen wir dann in eine 10-Jahres-Strategie. Schwerpunkte sind aktuell Menschenrechte, Livelihoods und Governance.

Querschnittsthemen bei allem sind dabei die Stärkung von Frauen und der nachhaltige Umgang mit der Umwelt.


Welches sind aus deiner Sicht aktuell die größten Probleme der ländlichen Communities?

70 Jahre nach der Unabhängigkeit leben 30 Prozent der InderInnen in Armut. Die staatlichen Statistiken sehen freundlicher aus, aber ihnen ist nicht zu trauen. Eines der größten Probleme ist, das KleinbäuerInnen nicht über Land bzw. ausreichendes Land verfügen. Oft nur über einen halben Acre, das ist ein Viertel Hektar! Daher sind wir auch an Kampagnen z.B. gegen Landraub und zur Stärkung weiblicher Farmer beteiligt.

Es ist uns wichtig, dass Frauen Landrechte bekommen. Es ist gelebte Praxis, dass vom Vater auf den Sohn vererbt wird. Aber rein rechtlich, auf Basis des Zivilrechts, kann die Tochter erben. Es geht hier also um einen Bewusstseinswandel.

 

Welches sind heute die größten Herausforderungen für euch als CWS?

Dass die Zivilgesellschaft seit Modi erlahmt ist. Da ist bei vielen Menschen vermutlich Angst die Ursache.


Welches sind aus deiner Sicht die schönsten Erfolge eurer Kampagnenarbeit?

Das 2011 in Kraft getretene Gesetz gegen häusliche Gewalt ist ein sehr großer Erfolg. Er verdankt sich einer Kampagne, an der CWS-unterstützte Frauengruppen beteiligt waren. Danach haben wir zivilgesellschaftliche Beratungsstellen gegründet, die heute eine wichtige und gute Arbeit machen.

Der für mich persönlich wichtigste Erfolg der jüngsten Zeit war, was wir mit der Kampagne zur Stärkung alleinstehender* Frauen erreicht haben. Das CWS ist in drei Bundesstaaten Promotor der Kampagne, in drei weiteren Bundesstaaten an der Kampagne beteiligt.

Im Bundesstaat Telangana haben wir erreicht, dass der Regierungschef jetzt allen alleinstehenden Frauen eine kleine Rente garantiert. Das ist großartig. Und ich bin sicher: andere Bundesstaaten werden folgen.

*Nicht verheiratete oder verwitwete Frauen haben in Indien einen extrem schlechten Status und sind vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt.

Gnana Prakasam ist seit 10 Jahren Geschäftsführer der wichtigsten indischen Partnerorganisation der ASW, des Centre for World Solidarity in Hyderabad.