Gandhi und Ambedkar: Reform oder Abschaffung des Kastenwesens?

Fehlt in keinem Büro einer Dalit-Organisation: Das Portrait des Vaters der indischen Verfassung Ambedkar

Die demokratische Verfassung Indiens ist untrennbar mit dem Namen Dr. Bhimrao Ambedkar (1891-1956) verbunden, der erster Justizminister im unabhängigen Indien wurde und als Vorsitzender der Entwurfskommission zur indischen Verfassung entscheidende Formulierungsvorschläge machte. Aus einer zwar armen, doch gebildeten Familie stammend, war er der erste Unberührbare, der im Ausland studieren konnte. Nach einer Promotion in Volkswirtschaft und weiteren Studienabschlüssen in Politik und Rechtswissenschaft wurde er seit den 20er-Jahren in Indien zum unangefochtenen Führer der Unberührbaren-Bewegung. In den verfassungsrechtlichen Auseinandersetzungen der 30er-Jahre wurde er zum großen Gegenspieler Mahatma Gandhis (1869-1948). Während dieser den Unberührbaren eine gewisse Zahl von Sitzen in den politischen Vertretungen reservieren wollte, forderte Ambedkar einen Schritt weiter zu gehen und nur Unberührbare an der Stimmabgabe für diese Kandidaten teilnehmen zu lassen. Dieses Prinzip der separaten Wählerschaften ging Gandhi zu weit, der eine Spaltung der Hindubevölkerung fürchtete.

Hinter dieser Auseinandersetzung standen unterschiedliche Anschauungen über Religion und Sozialsystem Indiens. Für Mahatma Gandhi war die Unberührbarkeit ein Ausrutscher der ansonsten sinnvollen und guten Arbeitsteilung des Kastensystems. Die Unberührbarkeit sollte durch einen individuellen Sinneswandel beseitigt werden, indem die stigmatisierten Tätigkeiten der Unberührbaren von allen übernommen werden. Dr. Ambedkar hingegen sah das Kastensystem untrennbar mit dem religiösen System des Hinduismus verbunden, das durch die Wiedergeburtslehre eine religiöse Begründung der Unberührbarkeit bietet und durch die soziale Hierarchie der, wie er es nannte "abgestuften Ungleichheit", eine Auflehnung der Diskriminierten verhindert. Für ihn war eine Abschaffung des Kastensystems und der dieses stützenden Religion die einzige radikale Lösung.

Während Mahatma Gandhi seine Vorstellungen im Jahre 1932 durchsetzte, konnte Dr. Ambedkar in einem Kompromiss immerhin erreichen, dass den Unberührbaren eine sehr viel höhere Anzahl an separaten Sitzen in den Landesparlamenten zugestanden wurde.
Für die Dalit ist Dr. Ambedkar der "Vater der Indischen Verfassung", der für sie die ”positive Diskriminierung” der reservierten Sitze ermöglicht hat. Doch hat Dr. Ambedkars Rolle in der Formulierung der Verfassung erst anlässlich der Feiern zu seinem 100sten Geburtstag im Jahre 1991 eine allgemeine Würdigung erhalten, als im indischen Parlament ein Bild von ihm aufgehängt wurde.

Maren Bellwinkel-Schempp