27.03.2019

Indien: Alleinstehende Frauen sind der Gesellschaft suspekt

Im Gegensatz zu westlich geprägten Gesellschaften, in denen alleinstehende Frauen zunehmend als stark und selbstbewusst gelten, begegnet die indische Gesellschaft ihnen ablehnend und sogar feindselig. Von einer Frau in Indien wird erwartet, dass sie verheiratet ist und vor allem einen Sohn gebiert. Auch Witwen haben einen schweren Stand. Zwar kommen Witwenverbrennungen im heutigen Indien nur noch selten vor, aber Frauen, deren Mann stirbt, verlieren häufig den Platz im Haus der Schwiegereltern und haben dann oft kein Dach über dem Kopf. Auch in die eigene Familie können sie nicht zurück.

Während die Zahl der Single Frauen in Indien laut Census 2001 noch bei 51.2 Millionen lag, stieg sie in den darauf folgenden zehn Jahren um 39 Prozent auf 71.4 Millionen an. Obwohl Singles damit 12 Prozent aller Frauen in Indien stellen, werden sie weiterhin stigmatisiert, diskriminiert und ausgegrenzt. Hinzu kommen Existenznöte, eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch sexuelle Belästigung oder sonstige Bedrohungen und Einsamkeit.

 

So haben Single Frauen aus traditionellen Familien meist kaum Zugang zu Bildung und keinerlei Aussicht auf einen eigenen Beruf, wodurch beim Tod des Partners, bei einer Scheidung oder dem selbst gewählten Singleleben die Existenz kaum angemessen gesichert werden kann. Auch die fehlende Sicherheit von allein lebenden Frauen ist ein verbreitetes Problem. Die indische Gesellschaft ist zudem stark patriarchal geprägt. Das Singledasein einer Frau wird häufig auf einen bestehenden Defekt zurückgeführt, der erklären soll, warum sie keinen Mann an sich binden konnte.

 

Ein ganz aktuelles Beispiel für die Diskriminierung alleinstehender Frauen lieferten kürzlich indische Behörden. Bei einem Programm zur Umsiedlung von rund 170 Adivasidörfern in der Godavari-Region, die dem Polavaram-Staudammprojekt weichen müssen, wurden für Frauen ab 18 Jahre keinerlei Entschädigungen vorgesehen. Es wurde davaon ausgegengen, dass diese verheiratet sind und damit durch den Ehemann abgesichert. Das von der ASW finanzierte Netzwerk ADRF (Adivasi Development Rights Forum) hat gegen diese Diskriminierung geklagt: Und das Oberste Gericht hat den Kläger*innen Recht gegeben.

 

Auch durch andere Aktivitäten sind Projektpartner der ASW zugunsten alleinstehender Frauen aktiv. So leisten die Projektmitarbeiter*innen von SFTTC Aufklärungsarbeit, um Frauen dabei zu unterstützen, aus den Fängen häuslicher Gewalt und ökonomischer Abhängigkeit auszubrechen. Die Organisation vermittelt Schneider- und Computerkurse, die den Frauen dabei helfen sollen, eine eigene Existenzsicherung aufzubauen. Auch Mädchen und junge Frauen werden im Rahmen von Awareness-Treffen zu Gewalt gegen Frauen, Gender-Diskriminierung und häuslicher Gewalt in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Die Projektteilnehmerinnen werden so zu eigenständigen Akteurinnen im Streben nach Partizipation und Anerkennung von Frauen in Indien und der ganzen Welt.
Jana Lemke

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