Der Bericht des Weltklimarates, IPCC, und der Globale Süden

Der am 9. August 2021 veröffentlichte Bericht des Weltklimarates (IPCC) zum klima-wissenschaftlichen Sachstand hat weltweit hohe Wellen geschlagen: Von Brasilien bis Indien wurden seine auf Grundlage von 14.000 Studien erarbeitete Bestandsaufnahme und seine Prognosen kommentiert.

Das regierungskritische indische Nachrichtenportal „The Wire“ ließ die regionale IPCC-Prognose für Südasien gleich in einen Youtube-Spot  einfließen: Allein in Indien würde der Anstieg des Meeresspiegels bis Ende des Jahrhunderts mehr als 560 Millionen Menschen entlang der 7.500 km langen Küstenlinie betreffen.
Der in Dakar, Senegal, erscheinende „Sud Quotidien“ mokierte sich, dass „zum jetzigen Zeitpunkt nur die Hälfte der Regierungen ihre Verpflichtungen (aus Paris) zur Verringerung der Treibhausgasemissionen überarbeitet“ habe. Angesichts der dramatischen Lage müsse die Klimakonferenz COP 26 in Glasgow im Herbst 2021 ein Erfolg werden.

Mehr Erderwärmung – mehr extreme Wetterlagen

Der gerade rechtzeitig zu Glasgow fertiggestellte naturwissenschaftliche Teil des IPCC-Sachstandsberichts 2021 wird hoffentlich dazu beitragen, denn er belegt breiter als sein Vorläuferbericht von 2014, dass die (durch CO2- und andere menschengemachte Emissionen verursachte) Erderwärmung in allen Erdteilen zu mehr und massiveren Hitzewellen sowie in vielen Regionen zu mehr und heftigeren Starkregen und Überschwemmungen führt. Das gleiche gilt für den Rückgang des arktischen Meereises, der Schneedecke und des Permafrostes sowie der Intensität tropischer Wirbelstürme. Nur der aktuelle Zusammenhang von Erderwärmung und Auftreten von Dürren ist für viele Weltregionen, z.B. für Südasien, noch nicht so gut erforscht.

Für Westafrika und das nord-östliche Lateinamerika, sprich Brasilien, aber auch für den Mittelmeerraum, gibt es laut IPCC allerding Belege für den Zusammenhang von Erderwärmung und Dürren. Der Bericht prognostiziert auch, dass Dürren, die in einem vorindustriellen Klima in bestimmten Regionen z.B. einmal in 10 Jahren auftraten, bei einer Erwärmung auf 1,5 Grad die Region zweimal in 10 Jahren heimsuchen werden.*


1,5 Grad über Vorindustrieniveau rückt bedrohlich nahe

Die breitere Datengrundlage und leistungsfähigere Computer haben es auch möglich gemacht, die Zeitlinie der Erderwärmung präziser zu bestimmen: Die seit der Pariser Klimakonferenz noch als halbwegs beherrschbar geltenden 1,5 Grad über dem Niveau von 1850-1900 werden nun spätestens 2040 (und vermutlich schon in den frühen 2030er Jahren) erreicht und nicht mehr möglicherweise erst 2050, wie es der IPCC noch 2018 in Aussicht gestellt hatte.

Das Zeitfenster zur Abwendung des Klimakollapses ist damit für die Politik schon bald geschlossen.

Das ist eigentlich keine Überraschung. Denn schon der IPCC-Sonderbericht 1,5 (SR1.5) von 2018 hatte drastische Fakten zum 1,5 Grad-Ziel auf den Tisch gelegt und zur Eile gemahnt. Er hatte der Welt nur noch 12 Jahre gegeben, um das Schlimmste abzuwenden. Bis ca. 2030 müsse diese den Peak der Emissionen erreichen und 2040, spätestens 2055 komplett klimaneutral sein, d.h. nicht mehr THG emittieren als speichern. Scheinbar haben alle Entscheidungsträger diesen Weckruf gründlich verschlafen.


Das Verschlafen von Reduktionszielen kostet Leben

Der aktuelle IPCC-Bericht macht nun noch deutlicher, dass sich der Kampf um jedes Zehntelgrad lohnt. Denn wie eng extreme Wetterereignisse in direktem Zusammenhang mit der globalen Erwärmung stehen, konnten die beteiligten Wissenschaftler*innen durch neue Attributionsstudien (Bewertung der relativen Beiträge mehrerer kausaler Faktoren zu einer beobachteten Veränderung) klar ausweisen. Jedes Zehntelgrad weniger kann somit auch Menschenleben retten, denn weniger heftige Wirbelstürme zum Beispiel sind gleichbedeutend mit weniger Toten.

Die aktuellen Erkenntnisse des IPCC fordern von der Weltgemeinschaft allerdings nicht nur eine sofortige und massive Reduktion von CO2-Emissionen und anderen Treibhausgasen, sondern auch einen Plan für die besonders betroffenen Menschen des Globalen Südens.

Denn zumindest bis Mitte des Jahrhunderts steigt die Temperatur weltweit noch an, und zwar in allen Szenarien, die der IPCC durchspielt. Auch bei dem für die Menschheit günstigsten, bei dem die CO2-Emissionen noch in diesem Jahrzehnt ihren Gipfel erreichen und weltweit ab ca. 2050 mehr CO2 neutralisiert als emittiert wird, würde die Temperatur aufgrund der CO2-Altlasten in der Atmosphäre noch auf wahrscheinlich 1,6 Grad ansteigen, um dann erst nach 2060 bis Ende des Jahrtausends wieder auf wahrscheinlich 1,4 Grad zu fallen. Beim zweitgünstigsten wären es 1,8 Grad. Bei den drei anderen Szenarien würde der Temperaturanstieg gegenüber 1850-1900 bis Ende des 21. Jahrhunderts eher zwischen 2,7 bis 4,4 Grad erreichen, im ungünstigsten Fall sogar 5,7 Grad.


Klimagerechtigkeit heißt, den Globalen Süden nicht alleine lassen

Menschen z.B. in Westafrika und Indien, die jetzt schon am Limit sind und von einer von Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen geplagten Landwirtschaft kaum mehr überleben können, müssen in den kommenden drei Jahrzehnten mit noch schlimmeren Wetterextremen rechnen, selbst wenn die Welt das günstigste Szenario schaffen sollte. Sie brauchen Beistand bei der Anpassung an die Klimaereignisse, sofern das noch möglich ist, und vor allem die ganze Solidarität der Weltgemeinschaft. Viele werden ein neues Zuhause benötigen. Auch hier sollte sich der früh industrialisierte Kontinent Europa als CO2-Emittent der ersten Stunde seiner Verantwortung stellen.

Übersicht zu den historischen und aktuellen Emissionen Europas und ausgewählter Länder

* Brasilien könnte bei stark steigenden Temperaturen übrigens auch sein auf Agrarexporten basierendes Wirtschaftsmodell nicht mehr aufrechterhalten. Die Gebiete, die heute Soja und Fleisch produzieren, wären in 10, 20 oder 30 Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig, prognostiziert IPCC-Mitglied Paulo Artaxo von der Universität São Paulo.