Landgrabbing im Senegal: Corona verstärkt Ungerechtigkeiten

 

Am 23.06.2020 wurden Bauern aus dem senegalesischen Dorf Ndéngler mitten in ihrer Arbeit gewaltsam von ihren Feldern vertrieben. Sie waren dabei, den Boden, den ihre Familien seit mehr als einem Jahrhundert bewirtschaften, für die Aussaat in der Regenzeit vorzubereiten.

Einige wurden von staatlichen Sicherheitskräften in Gewahrsam genommen, andere gewaltsam zum Verlassen ihrer Äcker gebracht. Das Dorf Ndéngler befindet sich in der Region Thiès im Departement Mbour, wo zwei Partnerorganisationen der ASW  (APAF SN und CEEDD) aktiv sind.

Das Land der Bauern von Ndéngler – rund 80 Hektar Ackerfläche – hatte der Staat zusammen mit weiteren 220 Hektar kurz zuvor an einen reichen Geschäftsmann namens Babacar Ngom, Eigentümer der Firma SEDIMA, übertragen. Letzterer beabsichtigt, dort in Zusammenarbeit mit der multinationalen Kentucky Fried Chicken, KFC, ein Agrobusiness aufzubauen.


Der Staat als größter Landbesitzer …..

Immer wieder werden senegalesische Bauern Opfer von Landgrabbing durch große Agrarunternehmen. Möglich sind solche Landnahmen, weil der Staat des Senegal, dem bis heute der Großteil der Landfläche gehört, sich eher auf die Seite von Investoren als auf die der Kleinbauern stellt. Dabei bebauen deren Familien das Land teilweise schon seit Generationen.

Hier zeigt sich das Problem der Landregulierung im Senegal. Die sogenannte nationale Landdomäne, also das Staatsland, wird durch ein Gesetz aus dem Jahr 1964 geregelt. Sie umfasst noch immer 95 Prozent der Gesamtfläche des Senegal. Nur fünf Prozent des Landes sind bislang registriert und mit privaten oder kommunalen Eigentumstiteln versehen. Nur eine solche Registrierung aber ermöglicht der/dem Inhaber*in (einer Einzelperson oder einer Gemeinschaft) ein echtes Eigentumsrecht an dem Land, das sie/er bewirtschaftet, und schützt sie/ihn so vor dem Zugriff von Investoren. 


….. und das koloniale Erbe

Das Gesetz über die nationale Domäne ist ein Erbe der französischen Kolonialisierung, und das Konzept des Eigentums, auf dem es beruht, steht in keiner Weise im Einklang mit dem alten senegalesischen Recht, das vor der Kolonialzeit auf dem Land herrschte. Das senegalesische Gewohnheitsrecht behielt der Gemeinschaft das Recht auf Land vor, wobei die Verantwortung für dessen Verteilung bei den traditionellen Chefs lag.

Mit der Kolonisierung ging der Landbesitz in die Hände der Kolonialmacht über, und seit der Unabhängigkeit hat der senegalesische Staat den Fortbestand dieses Besitzes gesichert. Doch seiner Pflicht, das Land im öffentlichen Interesse zu verwalten, kommt er nicht nach. Der Staat verfügt über die absolute Macht über die Landzuteilung. Die Hauptopfer dieser Situation sind die Bauern und die örtliche Bevölkerung in der Nähe von Großstädten und in landwirtschaftlichen Gebieten.

 

Auch Regierungsmitglieder bedienen sich

Neben der Rechtsunsicherheit durch das veraltete Gesetz von 1964 gibt es auch höchst fragwürdige Landaneignungen durch Regierungsmitglieder und  Regierungsparteien. Oder die oben beschriebene Situation, dass Regierungsvertreter Geschäftsleuten und multinationalen Unternehmen Land übertragen – auf Kosten der schwächsten Teile der Gesellschaft.

So beklagt der Dorfchef von Ndéngler, dass seiner Gemeinde der Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität verwehrt sei, selbst eine Straßenanbindung fehle. Es sei, als ob die Menschen von öffentlichen Dienstleistungen hätten abgekoppelt werden sollen. Und nun wurde ihr Land, das ihre einzige Lebensgrundlage ist, in Besitz genommen.

Solche Ungerechtigkeiten verschlimmern sich aktuell mit der Coronapandemie. Der Lockdown hat zu einem Stillstand im Justizsystem geführt. Landstreitigkeiten können nicht direkt von Richtern entschieden werden. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die eine sehr wichtige Rolle beim Schutz der Rechte der Bauern spielen, waren monatelang von ihren Zielgruppen getrennt, weil es Reisebeschränkungen zwischen den Regionen gab. 

Online-Medien wie facebook und youtube waren bisher die einzige Möglichkeit für von Landraub betroffene Bauern, sich Gehör zu verschaffen. Die Massenmedien des Senegal schweigen meist zu diesem Thema. Dieses Schweigen irritiert einen großen Teil der Bevölkerung. 

Boubacar Diop

 

Mehr Infos (auf französisch):
 

Ndengler : Le Petit Paysannat Face À L’agrobusiness (Par Adama DIOUF)
http://www.walf-groupe.com/ndengler-petit-paysannat-face-a-lagrobusiness-adama-diouf/

Accaparement des terres à Ndengler : les vérités crues de Bassirou Diomaye Faye face à une injustice persistante
https://www.dakaractu.com/Accaparement-des-terres-a-Ndengler-les-verites-crues-de-Bassirou-Diomaye-Faye-face-a-une-injustice-persistante_a190096.html

Noch zum Thema Landgrabbing im Senegal:

Senegal/ Litige foncier à Kounoune : Menacées d’expulsion, des populations prêtes à en découdre avec la Socabeg.

https://landportal.org/node/92324

https://landportal.org/node/87379