Klimamigration in Indien

Anlässlich der Klimakonferenz COP 25 machte OXFAM jüngst auf die jährlich 20 Mio Menschen aufmerksam, die infolge von extremen Wetterereignisse wie Zyklonen und Überflutungen Haus und Hof verlieren und zu Binnenvertriebenen werden. Oxfam belegte dabei, dass sich die Zahl der klimabedingten Wetterkatastrophen in den letzten zehn Jahren verfünffacht hat und die Zahl solcher Vertreibungen perspektivisch steigen wird.
Viel schlechter zu beziffern sind jene Millionen von Menschen, deren Existenzgrundlage z.B. durch Dürren, unregelmäßige Niederschläge oder Wassermangel langsam aber stetig schwindet. Auch hier haben wir es mit Klimawandelfolgen zu tun. Diese Menschen werden aber nicht automatisch zu Migranten.
Etliche aktuelle Studien zeigen, wie vielschichtig Migrationsentscheidungen sind und warnen entsprechend vor dem vereinfachenden Begriff „Klimaflüchtling“ - zumal die Zuschreibung „Flüchtling“ von der UNO für grenzüberschreitende Migrant*innen reserviert ist. Die schleichende Erosion von Lebensgrundlagen durch den Klimawandel führt denn meist auch nur Schritt für Schritt zu Reaktionen. 

Kleinbäuerliche Familien zum Beispiel, deren Ernten zurückgehen, schicken häufig zunächst ein männliches, meist jüngeres Mitglied auf „Arbeitsmigration“. Dessen Einkünfte aus ländlicher oder städtischer (formeller oder informeller) Lohnarbeit, kombiniert mit der Landwirtschaft, ermöglichen der Familie das Überleben. Die Migration ganzer Familien erfolgt seltener und erst dann, wenn Kontakte an anderen Orten etabliert sind.

Wer hat die Möglichkeiten, sich an den Klimawandel "anzupassen" ?

In Indien könnte der vom Zensus belegte Anstieg von Binnenmigrationen um 12 Prozent seit 2001 gegenüber den Jahren vor der Jahrtausendwende zum Teil mit dem Klimawandel zu tun haben. Indiens aktuellster Zensus (2011) zählt rund 460 Millionen Binnenmigrant*innen. Zieht man von diesen die rund 70 Prozent Frauen ab, die infolge einer Heirat in den Haushalt Ihres Ehemanns in einer anderen Gemeinde ziehen, bleiben noch immer 145 Millionen Arbeitsmigrant*innen, mehr als 10 Prozent der indischen Bevölkerung.

Wenn ein Teil von diesen 145 Millionen nun vorrangig oder mitbedingt durch den Klimawandel zur Mobilität gezwungen sind, wie wäre das zu bewerten? Aus Sicht der Soziologin Anil Kumar Jha ist Migration eine Anpassungsstrategie an den Klimawandel und als Notlösung nicht die schlechteste. „It is not necessarily the worst scenario and should not be seen as an intrinsically negative outcome to be avoided”, so die Autorin in ihrer Studie zu Klimawandel und Binnenmigration in Indien (2013). Andere Autoren (z.B. Theo Rauch) warnen eher davor, Migration in einem allzu rosigen Licht erscheinen zu lassen.

Eine Studie mit dem Fokus auf die Migration von Bauern in Indien (Chandan Kumar Jha u.a., 2017) zeigt, dass eher Mitglieder aus land- und damit mittellosen Familien als landbesitzende Bauern, und von diesen auch eher die Bauern mit kleinen nicht überlebenssichernden Flächen migrieren. Andererseits belegt eine Studie von Goptal Datt Bhatta u.a. (2015) Unterschiede zwischen reicheren und ärmeren Haushalten in Bezug auf die Entfernung des Migrationsziels. Während erstere, wenn sie abwandern, oft eine Langzeitmigration zu ferneren Zielen wählen, können sich ärmere Haushalte nur eine temporäre Migration in den Nahbereich leisten.

Insgesamt scheint es, als stünde Migration als „Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ eher denen offen, die noch nicht völlig im Elend gefangen sind. Für letztere hat Christiane Fröhlich vom GIGA den Begriff erzwungene Immobilität gefunden (zitiert nach taz 19.12.19): „Die Menschen mit den wenigsten Ressourcen können überhaupt nicht mehr umziehen. (...) Noch stärker vom Klimawandel getroffen werden also diejenigen, die nicht mehr mobil sein können und so vor seinen Folgen nicht mehr fliehen können.“

Isabel Armbrust