Was bedeutet Solidarität heute für die ASW?

Solidarität entsteht bei vielen Menschen aus einem Wunsch nach Gerechtigkeit oder aus einer tief empfundenen Empathie für das Schicksal anderer heraus. Manchmal resultiert sie aber auch aus der pragmatischen Erkenntnis, dass Solidarität „aus der wechselseitigen Abhängigkeit im Dienste der gemeinsamen Zielverfolgung“[1] entstehen kann. Nachdem ASW-Vorstand, Programm-Ausschuss und Mitarbeiter*innen sich in unterschiedlichen Gesprächsrunden immer wieder mit der Bedeutung dieses Begriffes für unsere Organisation im 62. Jahr ihres Bestehens befasst haben, möchten wir nun darüber mit den Partner*innen und Unterstützer*innen der ASW in einen Dialog treten. Dies ist der Startschuss für unseren Austausch!

Unser solidarisches Handeln ist primär mit den Zielen der Organisationen verknüpft, die wir unterstützen. Doch was sind diese Ziele? Zum einen wollen wir die Stellung der Frauen weltweit umfassend stärken, da sie in vielen Ländern schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind, massive Benachteiligungen erfahren. Wir wollen ebenfalls benachteiligte Gruppen unterstützen, da Intoleranz und Hass (bezogen auf Herkunft, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung oder Religion) zunehmend um sich greifen, auch dort, wo vermeintlich stabile und demokratische Verhältnisse herrschen. Und wir setzen uns dafür ein, dass die Lebensgrundlagen der Menschen weltweit erhalten und gepflegt werden, so dass beispielsweise das Grundrecht auf Nahrung und auf eine intakte Umwelt auch künftigen Generationen erhalten bleibt. Aber ganz konkret geht es uns auch darum, den Menschen zu helfen, die heute schon unter diesen Entwicklungen leiden und sterben, und die Tag für Tag zusehen müssen, wie lebenswichtige Ressourcen verschwinden.


Solidarität in der Praxis der ASW und im Handeln unserer Unterstützer*innen
 

Gleichzeitig plädieren wir für eine emanzipatorische „Entwicklungs“-Politik, die Menschen im Süden nicht entmündigt, sondern ihre Expertise und ihre Wünsche anerkennt. [2]
Deshalb sehen wir auch unsere Rolle darin, die progressive Zivilgesellschaft in den Ländern, in welchen wir tätig sind, beim Aufbau stabiler Strukturen zu unterstützen. Und nicht zuletzt versuchen wir auch hier in Deutschland Menschen dazu zu bewegen, sich solidarisch zu engagieren, indem wir sie über die Auswirkungen unserer eigenen Lebensweise auf die Situation im Süden informieren. Ohne die Unterstützung solidarischer Menschen in Deutschland könnten wir unsere Ziele nicht erreichen.


Grundlagen und Bezugspunkte unseres Solidaritätsverständnisses sind also zum einen die Ziele der ASW, aber auch das Wissen, dass praktizierte Solidarität immer noch einen hierarchischen Kontext aufweist. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich der eigenen Verstrickung in Neo-Kolonialismus und Ausbeutung bewusst zu werden, und auch zu versuchen, die Sicht des Südens auf internationale Solidarität zu verstehen. Unser solidarisches Handeln ist also mehr als (nur) finanzielle Unterstützung.

Es geht uns auch um die politische Unterstützung unserer Partner*innen bei ihren Forderungen. Mehr als bisher wollen wir uns auch in „digitaler Solidarität“ versuchen, indem wir die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien nutzen, um die Stimme unserer Partner*innen zu verstärken. Und bei aller Rechenschaftspflicht, denen wir und unsere Partnerorganisationen unterliegen, versuchen wir überflüssige Bürokratie und „Verwaltungsideologie“ in der Zusammenarbeit mit diesen zu vermeiden, bzw. zu verringern.

Vor allen Dingen ist unser Handeln auf gemeinsame globale Herausforderungen ausgerichtet, auch wenn unsere Partner*innen unter wesentlich schlechteren Bedingungen als wir leben. Wir streben eine „Solidarität unter Gleichen“ an, die überhaupt erst ein gemeinsames Handeln möglich macht, und setzen nicht nur auf die individuellen Menschenrechte, sondern tragen vermehrt zur Stärkung von Kollektivrechten, solidarischer Wirtschaft und zur Rückgewinnung von Gemeingütern (wie beispielsweise Wasser oder Ackerland) bei. Dazu grenzen wir uns auch ausdrücklich von der neoliberalen Wettbewerbsideologie und dem Mythos des endlosen Wirtschaftswachstums ab.

Von Christophe Mailliet, Geschäftsführer der ASW

Was denken Sie? Wir freuen uns auf Ihre Gedanken und Anregungen dazu! Bitte schreiben Sie uns gerne an mail(at)aswnet.de
 

[1] Zitiert nach Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. München 2019.

[2] Zurecht wird der Begriff „Entwicklung“ für seine paternalistische und kolonialistisch geprägte Bedeutung kritisiert.