Feministische Bewegungen in Indien

Nicht über Frauenrechte sprechen, ohne andere Unterdrückungssysteme einzubeziehen

 

So divers wie das Land sind auch der Feminismus und die zahlreichen verschiedenen Frauenbewegungen in Indien. Dennoch ist ein Grundzug nicht zu übersehen: Anders als im Westen kämpfen Feministinnen in Indien schon immer gegen weitere Unterdrückungsstrukturen und lehnen die Vorstellung ab, dass alle Frauen auf gleiche Weise Unterdrückung erfahren. Dieser Grundgedanke der Intersektionalität, spielt - bewusst oder unbewusst - eine wichtige Rolle in den indischen Frauenbewegungen.

Unter Intersektionalität ist das Zusammenspiel verschiedener Diskriminierungsformen gemeint, die nicht einzeln für sich wirken, sondern gemeinsam zu neuen sozialen Ungleichheiten führen können.

Im Folgenden werden Beispiele für solche Wechselwirkungen von Unterdrückungssystemen und feministischen Bewegungen an diesen Schnittstellen in Indien aufgezeigt. Wir beziehen diese vor allem aus Texten der Dalit-Aktivistin und intersektionellen Feministin Swati Kamble.

Anti-Kasten-Aktivismus

Der Einsatz der Dalit-Frauen für mehr Gleichberechtigung ist ein gutes Beispiel für den intersektionellen indischen Feminismus. Diesen Kampf nennt Kamble Anti-Kasten-Aktivismus, den sie dem westlichen bzw. privilegierten Feminismus entgegenstellt. Die Aktivistin betont, dass sich Dalit-Feministinnen nicht nur für die Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch für die Gleichstellung in der gesamten Gesellschaft einsetzen. Weiter unterstreicht sie, dass die Diskriminierung der Frau nicht alleinstehend betrachtet werden kann, da sie mit der Unterdrückung innerhalb des Kastensystems verwoben sei. Die Kontrolle über die Sexualität der Frau hält das Kastensystem aufrecht. Somit stellt die geschlechterspezifische Unterdrückung das Fundament des Kastensystems. Unter diesen miteinander verflochtenen Machtstrukturen leiden dann vor allem diejenigen, die von mehreren Dimensionen gleichzeitig betroffen sind. Laut der Anti-Kasten-Feministin müssen daher die patriarchalischen Systeme zusammen mit der Abschaffung der Kaste bekämpft werden, um ein selbstbestimmtes Leben in Würde erreichen zu können.

Der Protest gegen ein diskriminierendes Staatsbürger*innen-Gesetz

Auch Shaheen Bagh, als eine meist von muslimischen Frauen geführte Protestbewegung, dient als ein gutes Beispiel für die intersektionellen Frauenbewegung in Indien. Hunderttausende Frauen kämpften im Jahr 2019/20 entschlossen in friedlichen Sitz-Protesten in Delhi und später im ganzen Lande gegen das kontroverse Staatsbürger*innen-Gesetz (Citizenship Amendment Act 2019). Es wurde befürchtet, dass dadurch muslimische Staatsbürger*innen von heute auf morgen im eigenen Land zu illegalen Immigrant*innen gemacht werden. Muslime und Muslimas stellen als größte religiöse Minderheit 14 % der Bevölkerung, doch unter der Hindu-nationalistischen Ausgrenzungspolitik der Regierung leiden muslimische Menschen sowohl unter staatlicher  als auch gesellschaftlicher Diskriminierung.

Ebenso kämpfen muslimische Studentinnen und Schülerinnen seit Ende letzten Jahres für ihre Religionsfreiheit, nachdem in einigen südindischen Bundesstaaten ein Hijabverbot (ein Tuch, das Kopf und Hals bedeckt) an Bildungseinrichtungen verhängt worden war. Auch hier kämpfen die jungen Frauen und Mädchen an der Schnittstelle mehrerer Unterdrückungsstrukturen für mehr Gleichberechtigung.

Die Präsenz der Frauen bei den Bauernprotesten

Desgleichen spielten Tausende Frauen eine entscheidende Rolle in den Bauernprotesten, die sich gegen die von der Regierung im September 2020 verabschiedete kontroversen Agrarreform richteten. Das Gesetz sah vor, den landwirtschaftlichen Sektor zu liberalisieren. Dagegen formierte sich dann eine der größten und am längsten anhaltenden Protestbewegungen der Welt. Von Anfang organisierten sich Frauen, um auf ihre besondere (prekäre) Rolle in der Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Laut Oxfam arbeiten in Indien 85 % der ländlichen Frauen in der Landwirtschaft, doch nur etwa 13 % besitzen eigenes Land. Frauen sind in der Landwirtschaft eine unsichtbare Arbeitskraft, die von der Regierung nicht ausreichend anerkannt wird. So entschied Anfang 2021 dann der Oberste Gerichtshof, dass ältere Menschen und Frauen wieder nach Hause gehen müssten, da sie auf den Protesten nicht erforderlich seien. Doch die Frauen blieben. Und Ende 2021 nahm die Modi-Regierung nach einem Jahr wehrhaften Protesten die hochumstrittenen Landwirtschaftsgesetze wieder zurück.

Die von der ASW geförderten Projekte erkennen an, dass die vielfältigen Machtstrukturen stärkere Unterdrückungssysteme schaffen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen und Frauen in besonderer Weise belastet werden. So adressiert beispielsweise die Partner-Organisation LOK MADHYAM muslimische Frauen, NAWO alleinstehende Frauen aus Adivasi-Gemeinschaften (Indigene) und  ANBU TRUST  Dalit-Frauen aus vom Klimawandel betroffenen Regionen. Durch diese Projekte werden die intersektionellen Probleme der Frauen anerkannt und bekämpft.

Celina Bittger

Quellen:

Swati Kamble: https://countercurrents.org/2020/08/claim-your-anti-caste-intersectional-feminism-a-dalit-womans-reflections-on-feminism/

Oxfam: https://www.oxfamindia.org/women-empowerment-india-farmers