Bauernselbstmorde im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh nehmen kein Ende

10.08.2004

Pestizid- und Düngemittelhändler tragen Mitschuld

10.08.2004

Da die wenigsten der Klein- und Kleinstbauern Zugang zu offiziellen Krediten haben, verschulden sie sich bei privaten Geldverleihern, Pestizid- und Düngerhändlern, die extrem hohe Zinsen verlangen. Die Zinsrate schwankt meist zwischen 36 bis 60 Prozent, in Extremfällen liegt sie bei über 100 Prozent. Oft werden die Schuldner von diesen Händlern vor den Augen der Öffentlichkeit gedemütigt. Ihnen wird das Vieh weggenommen und ihre Häuser werden beschlagnahmt.

 

Das Nachrichtenmagazin „Frontline“ berichtet in seiner Ausgabe vom 18. Juni 2004 ein weiteres Detail, das die Situation in der Selbstmordhochburg Andhra Pradeshs, dem Ananthapur Distrikt, illustriert. Hier waren in der Zeit vor dem Regierungswechsel tausende von Bauern verhaftet worden, die ihrem Schuldendienst nicht nachkommen konnten. Anstatt den Bauern irgendwelche Hilfen anzubieten, habe die Regierung von Chandrababu Naidu einen speziellen Stab bei der Polizei eingerichtet und die Beamten zu Razzien in die Häuser der zahlungsunfähigen Bauern geschickt, heißt es in der Quelle, auf die Frontline sich bezieht.

 

Aber welche Faktoren erklären, dass die Selbstmorde weitergehen auch nachdem die neue Landesregierung des Kongresspolitikers Rajasekhara Reddy (siehe Landesregierung von Rajasekhara Reddy will Bauern-Selbstmorde stoppen ) ihre Hilfen für die Bauern angeordnet hat?

Zyniker haben eine zweifelhafte Erklärung an der Hand: Rajasekhara Reddy will nämlich nicht nur den lebenden Bauern helfen, sondern hat auch den Familien der Selbstmörder finanzielle Unterstützung versprochen: 100.000 Rs (2000 €) für die Zurückzahlung der Schulden und weitere 50.000 Rs (1000€) als Hilfe.

 

Eine plausible Erklärung dagegen hat laut „Frontline“ der Chef des Andhra Pradesh-Landesverbandes der Kommunistischen Partei Indiens (CPI(M)), B.V. Raghavalu anzubieten. Seine Beobachtungen sprechen dafür, dass sich die Geldverleiher und Pestizidhändler vor, während und kurz nach den Wahlen zurückgehalten und in dieser Zeit keinen Druck auf die Schuldner ausgeübt haben. Sie hätten erst einmal abwarten wollen, ob die neue Regierung nicht die Schulden für unrechtmäßig erklären würde. Erst als nichts derartiges geschah, trieben sie ihre Zinsen alle zum gleichen Zeitpunkt ein und die Bauern in die Verzweiflung.

B.V. Raghavalu fordert deshalb, die Landesregierung von R.Reddy solle ein sofortiges einjähriges Schuldendienstmoratorium verfügen. Darauf solle sie ein abgestuftes Schuldendienstprogramm für verschiedene Schuldnergruppen entwickeln. Für die ärmsten Bauern sei eine völlige Schuldenstreichung angesagt. Obwohl eine solche Lösung die Selbstmorde stoppen würde, hat die Regierung sie für nicht gangbar erklärt.

 

Wie die Tageszeitung "The Hindu" am 4.08.04 berichtet, hat Rajasekhara Reddy jetzt immerhin die Problemlage erkannt und für private Geldverleiher ein Zinslimit von 12 Prozent, für Bankkooperativen, Regierungs-Institutionen und kommerzielle Banken von 5 Prozent festgelegt.