Indien: Corona, Monsun-Überschwemmungen und Abbau von Arbeitsrechten

28.07.2020

Klimawandelfolge oder normales Wetterereignis? Im indischen Bundesstaat Bihar müssen aktuell rund 1,4 Millionen Menschen in 11 Distrikten zusätzlich zu Corona mit den Folgen starker Monsun-Überschwemmungen klar kommen. ASW-Partner sind zum Glück nur wenig betroffen.

Monsun-Überschwemmungen verstärken die Corona-Folgen. Hier: Frau in Fluten

Monsun-Überschwemmungen in Bihar verstärken die Corona-Folgen

Dem Corona-Virus trotzen die Menschen in unseren Projektgebieten – auch aufgrund der guten Schutzmaßnahmen durch unsere Partnerorganisationen – noch immer erstaunlich gut. In einem Fall ist allerdings die Projektleiterin am Virus erkrankt. Unsere Partner konnten zudem in ihren Arbeitsregionen in sechs Bundesstaaten die Nahrungsmittelversorgung für ihre Zielgruppen sicherstellen. Sie haben damit eine Lücke im staatlichen Corona-Nothilfeprogramm geschlossen.

Derweil geht indienweit die Zahl der Covid19-Infektionen nach oben – der Erreger breitet sich längst auch in ländlichen Gebieten aus. Dort allerdings mangelt es noch stärker als in den Städten an Gesundheitsstationen und Krankenhausbetten, die ohnehin meist nur für Menschen mit gutem Einkommen zugänglich sind.

 

Höhepunkt der Pademie ist noch nicht erreicht

1,4 Millionen Inder*innen gelten derzeit offiziell als infiziert, die Dunkelrate, so vermuten Mediziner, dürfte deutlich höher liegen. Auffällig ist die mit 2,43 Prozent vergleichsweise niedrige Sterblichkeitsrate der getesteten Coronainfizierten (Deutschland: 4,5 %). Der Höhepunkt der Pandemie wird nun für Ende des Sommers erwartet.

Manche Bundesstaaten haben nach den Lockerungen der vergangenen Wochen, mit denen sie auf die wirtschaftliche Not vieler Menschen reagiert hatten, wieder zum Teil massive Einschränkungen angekündigt. Unter ihnen sind Bihar und Tamil Nadu, in denen die ASW aktiv ist.

Angesichts der Kritik an ihrem Krisenmanagement hat die Zentralregierung jetzt eine massive Aufstockung der Testkapazitäten angekündigt. Premier Narendra Modi lobte sich in der Hindustan-Times vom 27. Juli 2020 dabei auch für die Einrichtung von 11.000 Covid-Zentren und die massive Aufstockung der Isolationsbetten, deren Zahl seinen Aussagen zufolge nun bei 1,1 Millionen liegen soll.

 

Erfolge hier, Einschränkung von Arbeitsrechten dort

Weiterhin ist die Situation von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich. Das im Bildungs- und sozialen Bereich vergleichsweise gut aufgestellte Kerala ist anderen Staaten auch im Gesundheitssektor voraus und verfügt über ein für die Bewältigung der Pandemie geeignetes Netz an Basis-Gesundheitsdiensten. Kerala verzeichnet bei einer Einwohnerzahl von 35 Millionen bislang 63 Tote. Im Vergleich: Der Nachbarbundesstaat Tamil Nadu mit der nur knapp doppelten Einwohnerzahl hat 3.570 Tote zu beklagen. Dennoch wurden aufgrund von Infektions-Hotspots aktuell in einigen Städten Keralas Ausgangssperren verhängt.

In einigen von der hindunationalistischen BJP regierten Bundesstaaten zeichnet sich derweil ein massiver Abbau an mühsam erkämpften Rechten ab. Um die Folgen der Pandemie für die Wirtschaft abzufedern, haben die Landesregierungen z.B. in Madhya Pradesh, Gujarat, Punjab u.a. Gesetze zur Veränderung arbeitsrechtlicher Regelungen initiiert. Sie geben Unternehmen die Möglichkeit, die 72-Stunden-Woche einzuführen. Im Punjab, der Kornkammer Indiens, lassen Landbesitzer vor allem die Tagelöhner*innen von auswärts bereits zu geringeren Löhnen arbeiten. Es wurden sogar schon Arbeiter*innen daran gehindert, das Dorf zu verlassen, um andernorts nach Beschäftigung zu suchen.

Betroffen sind in den BJP-regierten Bundesstaaten auch Regelungen zur Arbeitssicherheit, zur Gesundheit und zu den Arbeitsbedingungen. Die Änderungen sollen 3 Jahre gelten.

ASW-Partner bleiben am Ball

Die ASW hat schon zu Beginn der Coronapandemie Nothilfegelder für indische Partnerorganisationen bereitgestellt. Einige ASW-Partnerorganisationen sind an der Versorgung der von ihren Erwerbsquellen abgeschnittenen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln beteiligt. Fast alle von ihnen begleiten die Menschen in den Dörfern bei der Umsetzung der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und stellen dazu auch Seife und Desinfektionsmittel zur Verfügung. 
Frauen-SHGs stellen Schutzmasken her und verbreiten diese. Außerdem werden regelmäßig Treffen organisiert, die über das Virus, seine Verbreitungswege und über  Hygiene und Prävention informieren.

Von unserem Partner SDS in Odisha, der Menschen der indigenen Dongria Kondh organisiert, erhielten wir kürzlich Fotos von Frauen mit besonders aufwändig hergestellten Masken. Sie sind mit den gleichen Stickereien verziert wie die Schals der traditionellen Kleidung.