Aktuelle Presseerklärung der ASW zur Ausgrenzung von Kastenlosen bei Hilfs- und Entschädigungsleistungen in Indien

20.01.2005

20.01.2005

Kastenlose Dalits, die sogenannten „Unberührbaren“, und Mitglieder der Urbevölkerung werden zahlreichen Berichten zufolge in den indischen Katastrophengebieten von notwendigen Hilfsleistungen und Entschädigungen ausgeschlossen. Sie werden von Wasserverteilungsstellen oder Notunterkünften vertrieben. Dalit- oder Ureinwohnergemeinschaften werden nicht oder nur schleppend mit Nahrungsmittellieferungen versorgt und der Wiederaufbau von Wasserleitungen und Gesundheitsstationen erfolgt hier wesentlich langsamer als in den Fischerorten. „ Bei der Tsunami- Katastrophe wiederholt sich das, was wir schon von vielen anderen Katastrophen zuvor kennen und was Alltag im ländlichen Indien ist: die herrschenden Hindu-Kasten und auch viele Regierungsbeamte diskriminieren die Kastenlosen und grenzen sie noch weiter aus,“ so Detlef Stüber, Indien- Referent der ASW. Die ASW fordert den Zugang zu Hilfsleistungen für die kastenlosen Bevölkerungsgruppen effektiv durchzusetzen. Der beste Weg hierzu ist die direkte Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen der unterdrückten Bevölkerungsgruppen vor Ort.

 

Weitere Diskriminierung droht den kastenlosen Küstenbewohnern nun bei der Zahlung von Entschädigungen. Sie besitzen keine wertvollen Boote und Fischernetze. Dennoch hängt ihre Existenz vom Meer und den angrenzenden Küstengebieten ab. „ Die Kastenlosen leben häufig in Selbstversorgung oder arbeiten als Tagelöhner“, so Detlef Stüber, „sie nutzen, was die küstennahe Umwelt und Ökonomie ihnen zu bieten hat und bauen sich gemeinschaftlich kleine Versorgungsstrukturen auf. Das alles wurde nun zerstört, ist aber nach den Kriterien der Reparationszahlungen des indischen Staates offiziell nichts wert.“ Während die vom Tsunami ökonomisch betroffenen Fischergemeinden mit entsprechenden Ausgleichszahlungen für Haus, Boot und Fischernetzen bedient werden, gehen die ohnehin besitzlosen Gemeinschaften leer aus. Vorherige Katastrophen haben gezeigt, dass die Kluft zwischen den Kasten und damit die Unterdrückung der Dalits weiter vergrößert wurde. Damit würden viele Bemühungen und Erfolge um die Menschenrechte der Kastenlosen in dieser Region weit zurückgeworfen, befürchtet der Indienreferent der Aktionsgemeinschaft.

 

Ein typisches Beispiel ist ein Bericht der indischen ASW- Partnergruppe SPEAK INDIA, die im Nellore District im Bundesstaat Andhra Pradesh zusammen mit den Ureinwohnern der Yanadi arbeiten. Im Dorf Palli Palem leben Fischerfamilien, Yanadis und Dalits in ihren Gemeinschaften. Durch den Tsunami waren alle gleich betroffen. Es starben Fischer, Yanadis und Dalits und allen wurde die Lebensgrundlage entrissen. Die indische Regierung bot den betroffenen Fischerfamilien 25kg Reis als Soforthilfe an, nicht aber den Dalits und Yanadis. Auch die weitere Regierungshilfe mit 50kg Reis und 100Rs für alle Opfer erreichte die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppen nicht. Sie gehören nicht der richtigen Kaste an.

 

 

Für Rückfragen :

Detlef Stüber, Indien Referat

Tel. : 030 / 25 94 08-03