Indien: Die dramatische Lage der Arbeitsmigranten in der Ausgangssperre

30.03.2020

Über die besonders prekäre Situation von Indiens Arbeitsmigranten und sonstigen Tagelöhnern in der Coronakrise informierte kürzlich der indische Ökonom Pronab Sen. In einem Interview mit The Wire benannte er die dramatischen Folgen des Lock-Downs für diese verletzlichsten sozialen Gruppen Indiens, die meist auch noch den benachteiligten Dalit- und Adivasigemeinschaften angehören.

Tagelöhner*innen, die meist migriert sind, leben normalerweise "von der Hand in den Mund" und haben aktuell in den Städten keine gesicherte Nahrungsversorgung. Alle Imbisse auf den Straßen haben geschlossen und in den oft überbelegten (Arbeits-)Unterkünften gibt es kaum Zubereitungsmöglichkeiten. Zumal die meisten Grundnahrungsmittel bereits von den sozial Bessergestellten aufgekauft worden seien und in den Läden nur noch das Übrige – meist für höhere Preise - zu erstehen sei.

Die von der Finanzministerin Nirmala Sitharaman angekündigte Unterstützungsleistungen erreichen die größtenteils nicht-registrierten Wanderarbeiter*innen unzureichend, da sie für die Verwaltung nicht sichtbar sind. Von dem 20 Mrd. € schweren Maßnahmenpaket würden, so Pronab Sen, direkt nur Beschäftige aus der Baubranche profitieren können sowie jene, deren Frauen in den Heimatorten einen Jan Dhan Account (seit 2014 regierungsgeförderte Bankkonten) hätten. Auf diese werden nun für 3 Monate jeweils 500 Rupien (ca. 6-7€) als Direktunterstützung überwiesen.

An diese Gelder kämen die Wanderarbeiter in den Städten aber ebensowenig heran wie an die pro Person veranschlagten 5 kg zusätzlichen Reis und 1 kg Hülsenfrüchte.

Ohne Arbeit, ohne Essen, und oft ohne Unterkunft sei also in Zeiten des Lock-Downs die Rückkehr in die Heimatorte, meist im ländlichen Indien, für diese Menschen die einzige logische Option.

Ohne Transportmöglichkeiten zurück führt dies aber zu den Situationen, die jetzt in den Medien zu sehen sind: Menschenmassen, die auf Busse warten, die nicht mehr fahren; in Schlangen an Essensausgaben stehen; oder sich sogar zu Fuß auf die langen Wege aus der Stadt heraus machen. Ganz abgesehen von der möglichen Verbreitung des Virus ins ländliche Indien auf diesen Wegen.

Und damit zuletzt ein Blick auf's Land: hier bestehe wiederum das Problem, dass die Regierungshilfen nicht die Farmer direkt, sondern die Landbesitzer*innen erreichen, während die landlosen landwirtschaftlichen Arbeitskräfte oft leer ausgehen. Da gerade Erntezeit ist, seien die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern nun noch unsicherer als sonst: selbst wenn die lokale Vermarktung der Ernten durch die Restriktionen in Zeiten des Lock-Downs noch nicht direkt betroffen ist bzw. nicht so engmaschig kontrolliert wird wie in den Städten - viele Händler in den lokalen Märkten könnten zukünftig durch Restriktionen ggf. nicht mehr in die Städte weiterverkaufen und damit auch die Einkommensmöglichkeiten auf den lokalen Märkte für die Farmer weitgehend einschränken.

Leider gehören auch die Zielgruppen der ASW Projektarbeit, Dalits, Adivasi, Landlose, Arbeitsmigranten genau zu diesem Teil der indischen Bevölkerung, der bei den staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie durchs Raster fällt.
Unsere Partnerin Rukmini Rao vom Centre for World Solidarity, CWS, berichtete gestern, dass sie daher mit anderen Aktivist*innen in Hyderabad derzeit Anstrengungen unternimmt, für Arbeiter im informellen Sektor die Bereitstellung von Nahrung und anderen lebenswichtigen Gütern zu organisieren. Sie verhandeln dazu mit Regierungsstellen.

Zum Interview mit Pronab Sen: