Gesundheitssystem in Indien: Aus zweiter Corona-Welle nichts gelernt

27.01.2022

Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass Indien seine zweite und sehr tödliche Coronawelle erlebte und die Gesundheitsversorgung quasi zum Erliegen kam. Und trotzdem scheint es so, als hätte sich seit dem nicht wirklich etwas im schon lange maroden indischen Gesundheitssystem getan.

ASHA-Gesundheitsarbeiterin, Indien, verliest Coronaregeln

Die ASHA-Gesundheitsarbeiterin verliest zusammen mit Frauen aus dem Team der ASW-Partnerorganisation ASES Coronaregeln für das Dorf

Die Corona Zahlen in Indien sind seit Dezember drastisch gestiegen. Doch diesmal nicht nur in den großen Städten, sondern auch in abgelegenen ländlichen Gebieten: von 115 zu 6.560 neuen Fällen (5.400 Prozent Steigerung) in Bihar, von 300 zu 8.800 neuen Fällen (3.300 Prozent Steigerung) in Uttar Pradesh. 3.000 Omikron Infektionen soll es seit Anfang Dezember in Indien gegeben haben, aktuell werden 5,5 Mio. gemessene Fälle in den letzten 28 Tagen gemeldet (1). Doch selbst diese Zahlen sind nicht verlässlich. Auch Indien hat ein riesiges Problemen mit dem Dokumentieren von Fallzahlen, vor allem in den ländlichen Gebieten, in denen es kaum Testmöglichkeiten, zu wenig Gesundheitszentren und keine Labore zum Auswerten der Testproben gibt.

Aktuell sind die ländlichen Gebiete betroffen

Dadurch, dass die ländlichen Gebiete bei der letzten Welle kaum betroffen waren, haben vor allem diese nun Probleme. Und die werden nun immer deutlicher. Das mit Abstand größte ist der Personalmangel in Krankenhäusern, Arztpraxen und Gesundheitszentren. In Bihar gibt es nur eine*n Ärzt*in für 28.000 Menschen, in Madhya Pradesh ist es eine*r für 17.000 Menschen. Gründe dafür sind u.a. schlechte und unpünktliche Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen Ganz besonders betroffen sind die Basisgesundheitsarbeiter*innen (ASHA-Worker) in den ländlichen Gebieten. Sie sollen auch in Nichtpandemiezeiten eine Basisgesundheitsversorgung auf dem Land sicherstellen. Es sind meist ohnehin schon schlecht bezahlte Frauen, die ihren geringen Lohn erst nach Monaten bekommen. Einige Bundesstaaten versuchen jetzt sogar, sie als Ehrenamtliche ohne konkreten Anspruch auf finanzielle Anerkennung zu führen.   

Eklatante Mängel im Gesundheitssystem

Auch in den Städten, in denen die Krankenhäuser schon während der zweiten Corona Welle an ihre Grenzen gestoßen waren, hat sich nicht viel verändert. Es wurden kaum zusätzliche staatliche Krankenhauskapazitäten geschaffen, obwohl während der 2. Welle klar wurde, dass das bitter nötig wäre. Auch an Beatmungsgeräten mangelt es immer noch stark, so dass selbst Patient*innen, die einen der raren Plätze in einem Krankenhaus ergattern, kaum richtig behandelt werden können. Dazu kommen auch hier massive Engpässe an Personal mit der Folge, dass vermehrt auf nicht qualifizierte Kräfte zugegriffen werden muss. 

 

Das viertniedrigste Gesundheitsbudget der Welt

Der Grund für diese ganzen Mängel liegt aber im System. Indien „leistet“ sich das viertniedrigste Gesundheitsbudget der Welt und hat seine Krankenversorgung weitgehend privatisiert, die sich die an oder unter der Armutsgrenze lebende Hälfte der indischen Bevölkerung  schlicht nicht leisten kann. Während in Deutschland die staatlichen Ausgaben für Gesundheit noch 8,7 Prozent des BIP betragen, sind es in Indien nur 1 Prozent (Der Weltdurchschnitt liegt bei 6 Prozent). Entsprechend desaströs ist der Zustand des öffentlichen Krankenhaussystems, auf das die Bevölkerungsmehrheit angewiesen ist. Diese lässt der Staat somit quasi unversorgt. Dagegen bewegen sich Indiens Privatkliniken, die nur zahlungsfähige Kundinnen bedienen, auf Weltniveau.

 

Andere Krankheiten werden komplett vernachlässigt

Dadurch, dass das indische Gesundheitssystem durch die Corona-Pandemie schon komplett überlastet ist, gibt es nun so gut wie keine Kräfte mehr, um andere kritische Krankheiten behandeln zu können. Die in Indien stark verbreitete und oft tödlich verlaufende TBC dürfte in den Corona-Jahren 2020 und 2021 viele zusätzliche Opfer gefordert haben. Ausbleibende medizinische Behandlung und die schlechten Ernährungslage eines Großteils der Bevölkerung - Indien rangiert auf dem Welthungerindex für 2021 hinter Mali, Burkina Faso oder Sudan – ergeben gerade im Hinblick auf TBC eine fatale Gemengelage.

Die Omikron Variante ist angekommen

Und trotz all dem behaupten indische Politiker*innen, dass die Omikron Variante kein Problem in Indien sei und dass sich das Gesundheitswesen seit der zweiten Welle verbessert hätte. Die ansteigenden Fallzahlen seit Dezember sind aus ihrer Sicht einfach der Zunahme an Tests geschuldet –  die Omikron Variante hätte damit nichts zu tun.
Viele Expert*innen hingegen sehen Omikron schon lange auch in Indien angekommen und halten die geringe Zahl an registrierten Fälle nur für einen weiteren Beweis für unzureichende Kapazitäten in Laboren und für ein völlig unzureichendes öffentliches Gesundheitssystem.

Anfang Dezember wurde der erste indische Omikronfall entdeckt - und das war der Punkt, an dem die Zahlen anfingen zu steigen.

(1) COVID-19 Dashboard by the Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU)

Von Sophie Cemrek