Zwei Jahre Corona in Indien – Kinder und Frauen haben am meisten verloren

31.05.2022

Indien traf die Coronapandemie in mehreren Wellen und mit großen regionalen Unterschieden. Nach einer ersten vergleichsweise milden Welle überraschte vor allem der heftige Verlauf der zweiten, der zu vielen Toten und einer kompletten Überforderung des ohnehin maroden Gesundheitssystems führte. Aktuell leidet die Gesellschaft vor allem unter den ökonomischen Folgen der Pandemie - die meisten Einbußen haben Kinder und Frauen der unteren Schichten.

zwei Frauen in Indiens Bundesstaat Andhra Pradesh

Während der Pandemie sind durch den Lockdown viele Arbeitsplätze verloren gegangen. Rund 7% der Männer und 47% der Frauen haben in dieser Zeit ihre Arbeit verloren. Dabei sind dies nur die Zahlen des formellen Sektors. Indien hat einen riesigen informellen Arbeitssektor, in dem die Zahlen zwar unklar sind, aber noch höher liegen dürften.
 

Keine oder schlechtere Arbeit

 
Auch die Löhne sind stetig gesunken, obwohl die meisten schon unter dem Existenzminimum lagen. Die ärmsten 20% der Bevölkerung haben um die 70% ihres Einkommens verloren. Es kam so weit, dass Menschen ihre ohnehin wenigen Besitztümer verkaufen oder sich weiter verschulden mussten, um zu überleben.

In einigen von der BJP regierten Bundesstaaten wurde die Pandemie zudem dazu missbraucht, die Arbeitsschutzgesetze aufzuweichen. So wurde z.B. der Arbeitstag auf deutlich über 8 Stunden verlängert, und Arbeitgeber erhielten das Recht, Löhne verspätet auszuzahlen.

 

Frauen leiden am stärksten

 

Bei den Frauen war die Beschäftigung schon in den Jahren vor der Pandemie deutlich zurückgegangen. Angestiegen war parallel dazu die häusliche Gewalt. Diese beiden Trends wurden durch die Pandemie verstärkt.

Nach den Lockdowns schnellten die Zahlen um 170 Prozent nach oben. Weil lange keine Anzeigen aufgegeben werden konnten –  aber auch, weil es mehr Gewalt gab. Mitverantwortlich für den Zuwachs könnte sein, dass auch viele Männer ihre Arbeit verloren haben und wieder öfter zu Hause sind. Die Frauen haben also keinerlei Privatsphäre mehr. Außerdem konkurrieren in den Dörfern Männer und Frauen um knappe Arbeitsplätze. Das faktische Ausmaß an häuslicher Gewalt wird auf 5 bis 7 mal höher geschätzt, als es gemeldete Fälle gibt.
Auch die Zahl der Verheiratung von Minderjährigen ist nach Aussagen von ASW-Partnerorganisationen in Indien steil angestiegen, weil gerade arme Familien in der ökonomischen Krise keine andere Zukunft für ihre Töchter sehen.

 

Arbeitende Kinder statt Schulbildung

 

Doch nicht nur Frauen leiden stark unter den Folgen der Pandemie, sondern auch Kinder. Die Schulen waren landesweit für zwei ganze Jahre zu. Das heißt, dass vor allem Kinder der unteren Schichten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen, die keinen Computer und Internetzugang haben, zwei Jahre lang keinerlei Bildung bekommen haben.

Die Schulen sind nun seit ein paar Monaten wieder geöffnet. Die Anzahl der Schulabbrüche ist aber so hoch wie schon lange nicht mehr. Ungefähr 18% aller Kinder haben währen der Pandemie die Schule abgebrochen. Vor allem in den Familien der armen und diskriminierten Bevölkerungsgruppen müssen sie nun zum Nahrungserwerb beitragen. Es wird davon ausgegangen, dass viele Kinder dieser Gruppen nie wieder eine Schulbildung aufnehmen können und sich so lebenslang mit niedrigster Arbeit durchschlagen müssen.

Darüber hinaus haben viele Kinder durch Covid-19  ein oder beide Elternteile verloren und müssen sich deshalb jetzt komplett selbst versorgen.