Hoffnung ist lebenserhaltend

04.07.2005

HIV-positive Frauen in Simbabwe kämpfen für ein würdevolles Leben

04.07.2005

Der Tag auf den Hügeln in den Midlands Simbabwes hat kaum angefangen, doch Mzee Nyangoro steht schon in dem kleinen Garten hinter der mit Wellblech gedeckten Hütte. Sie drückt den Saft einiger Passionsfrüchte in einen Topf mit Weizen-Porridge. „Vollkorn hilft den Körper zu entgiften, das ist wichtig“ sagt die 25jährige, während sie mit energischen Bewegungen umrührt. „Genauso wie Obst, das stärkt den Körper. Und den darf man nicht aufgeben, egal was passiert.“

Mzee achtet sehr auf gesunde Ernährung und gibt sich Mühe ihren Körper in Form zu halten. Doch sie weiß nicht, wieviel Zeit ihr noch bleibt, denn wie viele andere Menschen in Simbabwe ist sie HIV-positiv.

 

Von der wirtschaftlich aktiven Altersgruppe der 15 bis 49jährigen ist jeder Dritte mit HIV infiziert, besonders Frauen und Mädchen sind betroffen. Waren vor wenigen Jahren noch weniger als die Hälfte aller HIV-Infizierten weiblich, so beträgt ihr Anteil heute fast 60 Prozent. Bei den 15- bis 24-jährigen sind es sogar drei Viertel der Erkrankten. Die HIV/Aids-Epidemie ist wohl die schwerste Krise, die die Menschen in Simbabwe je erlebt haben: Die Lebenserwartung sinkt immer mehr, und hat mittlerweile mit 36 Jahren den weltweiten Tiefstand erreicht. Bereits heute gibt es eine Million Aids-Waisen, und Schätzungen zufolge wird die Bevölkerung in 20 Jahren um ein Drittel kleiner sein, als sie es ohne die Krankheit wäre.

 

Mzee weiß seit zwei Jahren, dass sie seropositiv ist. Die ersten Bedenken hatte sie jedoch schon früher, als ihr Mann immer häufiger erkrankte, und schließlich gar nicht mehr aufstehen konnte. Doch über HIV gesprochen haben sie nie. Sie beteuert, ihrem Mann immer treu gewesen zu sein, dennoch hatte sie sich, wie viele andere Frauen, nicht vor der Krankheit schützen können.

 

Neben biologischen Faktoren ist es insbesondere ihre gesellschaftliche Position, die Frauen in Simbabwe einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzt. In einer Region, in der das Virus maßgeblich über heterosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen wird, vergrößern finanzielle und soziale Abhängigkeit gegenüber den Männern die Ansteckungsgefahr. Die Bildungs- und Anstellungsmöglichkeiten für Frauen sind begrenzt, und außerdem genießen diese in den traditionellen Shona-und Ndebele-Kulturen ohnehin nur wenig gesellschaftliche Anerkennung außerhalb der Ehe.

 

„Ich war 16, als Francis, mein Mann mich zu sich geholt hat. Die roora, der Brautpreis, den seine Familie meinen Eltern gab, war sehr hoch, und von da an gehörte ich zu seiner Familie, ich war seine Frau.“

Francis‘ Arbeit als Fernfahrer für eine Textilfabrik zwang die beiden, oft mehrere Wochen am Stück voneinander getrennt zu verbringen. Traditionell weitverbreitet, aber auch angesichts einer formellen Arbeitslosigkeit von bis zu 80 Prozent, suchen viele Männer in Simbabwe Arbeit in den umliegenden Städten, Gold- und Erzminen, oder Großfarmen und Plantagen. Wie Francis schicken sie einen Teil ihres Lohnes nach Hause, aber sehen ihre Frauen nur die Hälfte des Jahres. Dies birgt eine zweifache Gefahr in sich. Da oft das geschickte Geld nicht ausreicht, um die daheim gebliebene Familie zu versorgen, sehen sich viele Frauen zur sogenannten Gefälligkeitsprostitution gezwungen, und tauschen so ihren Körper gegen Geld oder Lebensmittel ein. Gleichzeitig ist Promiskuität unter den Arbeitern weitverbreitet, die sich somit häufig während ihrer Abwesenheit mit dem Virus infizieren und diesen auf andere Frauen übertragen..

 

„Als ich anfing zu vermuten, dass er in anderen Städten mit anderen Frauen zusammen war, hätte ich ihn bitten sollen, ein Kondom zu benutzen“ überlegt Mzee. „Das weiß ich zwar heute, doch das hätte ich nie gekonnt. Er hätte behauptet, dass ich es bin, die ihn betrügt, und mich aus dem Haus gejagt.“ Erst nach dem Tod ihres Mannes, als sie plötzlich alleine mit ihren vier Kindern war, fasste sie sich ein Herz, und ließ heimlich im Krankenhaus der nahe gelegenen Stadt Kwekwe einen Aids-Test machen.

 

„Ich hatte es zwar geahnt, doch als ich das Ergebnis des Tests erfuhr, dachte ich, eine Welt bricht ein, und wollte es nicht wahrhaben. Was hatte ich getan, dass Gott mich so bestrafte? Ich fühlte mich, als wäre ich bereits tot.“ Wie viele Frauen reagierte Mzee mit Hilflosigkeit, Verzweiflung und sogar dem Gedanken an Selbstmord. „Ich dachte, wenn ich schon sterben muss, dann kann ich’s auch gleich tun.“

 

In der Klinik gab man der jungen Witwe die Adresse der Anlaufstelle CEPHAC. Die 1997 gegründete Organisation in Kwekwe bietet neben Programmen zur HIV-Prävention und alternativer medizinischer Versorgung von Erkrankten vor allem psychosoziale Unterstützung. Durch viele persönliche Beratungsgespräche und jeden Freitag stattfindende Treffen mit weiteren Infizierten in einer Unterstützungsgruppe, lernte Mzee positiver und zukunftsorientierter mit ihrer Krankheit umzugehen.

 

„Wenn die Leute ‚HIV‘ hören, dann denken sie immer nur an das Bild des hilflosen und todkranken Menschen. Kein Wunder, dass sie da mutlos werden. Dabei ist Leben mit HIV möglich, man muss nur auf sich und seinen Körper achtgeben und darf sich nicht gehen lassen. Deswegen übersetzen wir bei uns HIV auch mit „Hope Is Vital“ - Hoffnung ist lebenserhaltend“ erklärt Gladys Mabaso, die Gründerin von CEPHAC. Basisinitiativen dieser Art nehmen in Simbabwe eine immer wichtigere Bedeutung ein. Durch Korruption und opportune Wirtschaftspolitik hat die Mugabe-Regierung das staatliche Gesundheitssystem schon längst an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. „Die Krankenhäuser hier sind völlig überlastet, es fehlen sowohl das notwendige Personal, als auch die Medikamente, um die Patienten zu versorgen. Viele Krankenhäuser nehmen aus Angst vor unbezahlten Rechnungen Aids-Kranke gar nicht erst auf, sondern schicken sie wieder zurück in ihre Familien. Anscheinend können sich nur ca. 10 Prozent der Erkrankten ein Klinikbett leisten“, erklärt Michael Franke, Afrikareferent der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW), der sich vor Ort ein Bild von der Lage verschafft hat.

 

Da die Ansteckung mit Aids jedoch meist mit moralischem Fehlverhalten, und der tödlicher Ausgang der Krankheit mit der „Schwere der Sünde“ verbunden werden, werden Erkrankte häufig durch ihr Umfeld diskriminiert. Aus Angst, von ihrer Familie bzw. der Dorfgemeinde ausgegrenzt zu werden, wagte Mzee deswegen zunächst nicht, öffentlich über ihre Infektion zu sprechen. Erst die Kontakte mit anderen Infizierten und die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Krankheit brachten sie zu dem selbstbewussten Umgang, den sie heute hat. Dennoch wissen nur die wenigsten davon. „In der Familie meines Mannes gab es viel Streit. Sie behaupteten, ich sei Schuld an seinem Tod, und wenn ich heute meine Schwäger treffe, so schütteln sie mir nicht mal mehr die Hand, aus Angst sich anzustecken. Deswegen bin ich wieder in das Haus meiner Eltern gezogen. Sie unterstützen mich.“

 

Mzee Nyangoro hat akzeptiert, dass sie mit dem HI-Virus infiziert ist, doch sie sucht nicht nach Schuld in der Vergangenheit, vielmehr plant sie ihre Zukunft. Im Herbst möchte sie bei CEPHAC an einem der fünftägigen Heimpflegekurse für Aids-Kranke teilnehmen, um denen, die sich keine Krankenhauspflege leisten können, zu helfen. „Genauso hoffe ich ja auch, dass dann mal jemand für mich da sein wird.“

Katja Gürten / Michael Franke