Tamil Nadu, ANBU-Trust: Austausch mit NRO-Mitarbeiter*innen über Migrationserfahrungen

Gestärkte Dalitgemeinschaften – weniger Abwanderung aus den Dörfern

INDIEN

Vielen Menschen im Sivagangai-Distrik in Tamil Nadu bietet die Landwirtschaft kein ausreichendes Auskommen mehr. Dürren und veränderte Monsunzyklen infolge des Klimawandels lassen die Ernten und damit die Einkommen schrumpfen. Besonders hart trifft es die meist landlosen und sich als Tagelöhner*innen verdingenden Dalits (Kastenlosen) der Region. Ihre Armut und die Verschuldung bei den Landbesitzern sind in den vergangenen Jahren gestiegen.

In dieser Lage sehen vor allem die Männer keinen anderen Ausweg, als zu migrieren und andernorts eine Arbeit zu finden. Oft hoffen sie dabei auch, an einem anderen Ort bessere Bildungschancen und eine bessere Gesundheitsversorgung vorzufinden.

Viele dieser Arbeitsmigranten wissen aber nicht, dass sie durch das Verlassen ihrer Region auch Ansprüche auf staatliche Unterstützungsprogramme verlieren. Außerdem sind sich viele der Risiken der Migration nicht bewusst. Nicht selten geraten Migrant*innen in die Fänge betrügerischer Arbeitsvermittler und werden um den versprochenen Lohn geprellt. Zudem haben sie fernab ihrer Familie oft psychische Probleme oder infizieren sich mit sexuell übertragbare Krankheiten. Und der Kastendiskriminierung können sie auch an anderen Orten nicht entkommen.

Hilfe für männliche Migranten und zurückbleibende Frauen

Die Frauen und Familien, die zurückbleiben, leiden nicht weniger. Sie müssen zusehen, wie sie sich und ihre Kinder ökonomisch durchbringen und wie sie sich, ohne Schutz der Männer, gegen die doppelte Diskriminierung als Frauen und als Dalits behaupten.

Das Projekt adressiert daher Frauen und Männer – Migrationswillige und Zurückgekehrte – gleichermaßen und bietet beiden Gruppen Beratungen und Schulungen an.

Um die in den Dörfern zurückgebliebenen Frauen aus der Vereinzelung zu holen, organisiert ANBU diese in Selbsthilfegruppen. ANBU fördert so den Austausch unter den Frauen, informiert sie über ihre Rechte und schult sie in der Herstellung von Kokosnuss-und Palmblätterprodukten, über deren Verkauf sie ein Einkommen erzielen können. Bisher konnten sich 320 Dalit-Frauen in 6 Projektdörfern in Gruppen organisieren und dadurch gestärkt werden.

Zusätzlich zu den Frauengruppen werden Anlaufstellen für Migrierte oder zur Migration Entschlossene geschaffen. Sie beraten zu Arbeitsrechten, entwickeln mit den Menschen Ideen für zusätzliche Erwerbstätigkeiten im Dorf und bieten dazu Trainings an. Außerdem wird den Menschen erläutert, wie sie auch andernorts staatliche Unterstützungsleistungen beantragen können.

Bewusstsein schaffen für die Risiken der Migration

ANBU-Trust trägt für diese Beratungsarbeit auch umfassende Fakten über die Migration und ihre Folgen zusammen und legt Verzeichnisse über den Verbleib migrierter Menschen an. In diese Erfassung werden die Frauengruppen einbezogen. Die Dorfbewohnerinnen beobachten für ihre jeweilige Gemeinde die Migrationen und haben auch ein Auge auf mögliches trafficking (Menschenhandel). Diese Art der Mitwirkung fördert auch das Selbstbewusstsein der Dalitfrauen.

In den Dörfern, in denen ANBU aktiv ist, entsteht so unter abwanderungswilligen jungen Männern der Dalit-Gemeinschaften ein Bewusstsein über die negativen Folgen von Migration. Zusammen mit dem Aufbau neuer Einkommensmöglichkeiten wächst die Motivation für den Verbleib in den Heimatorten.

Allein im Vorjahr entwickelten  150 Dorfbewohner*innen im Rahmen von ANBU-Trainings für sich „Handlungspläne“. Vor allem junge Menschen waren darin erfolgreich, über neu erworbenes Know-how zu Reparatur und Instandhaltung von Gebrauchsgegenständen wie Mahlsteinen, Kochherden, Ventilatoren oder Beleuchtung ein kleines Einkommen zu erzielen. Es bleibt zu hoffen, dass die Corona-Pandemie nicht die mühsam erreichten kleinen Verbesserungen des Lebens in den Dörfern wieder zunichte macht.