REZENSION: Afrika in Bewegung

Translokale Livelihoods und ländliche Entwicklung in Subsahara-Afrika

Afrika, das in Europa mit Massenauswanderung assoziiert wird, ist ein Kontinent der Binnenmigration. Nur wenige Menschen zieht es in Richtung Nordhalbkugel – und von der Gesamtzahl der grenzüberschreitenden Wanderungen gehen je nach Schätzung zwischen zwei Drittel bis 80 Prozent in die afrikanischen Nachbarländer. Ein Hin und Her zwischen Stadt und Land oder auch zwischen verschiedenen ländlichen Regionen eines Staates sind die typischeren Bewegungsmuster.

Diese Art der Mobilität betrifft inzwischen rund 50 Prozent aller Haushalte des subsaharischen Afrika. Entsprechend viele Menschen leben und arbeiten an verschiedenen und zwischen verschiedenen Orten. Ihre Haushalte sind translokal organisiert.

Malte Steinbrink und Hannah Niedenführ laden mit ihrem Buch „Afrika in Bewegung“ dazu ein, sich dieser „translokalen“ Realität in Subsahara-Afrika zu stellen. Denn künftig werden noch mehr Haushalte gezwungen sein, Existenzrisiken dadurch abzufedern, dass sie sich Standbeine sowohl in Stadt und Land suchen.

Obwohl diese Realität inzwischen gut belegt ist, setzt sich eine konsequent translokale, das heißt über Fixierungen an Orte und Grenzen hinausgehende Perspektive nur langsam durch. Sowohl Entwicklungsforschung wie praktische Entwicklungszusammenarbeit sind aus Sicht der Autor*innen noch immer auf trennende Perspektiven von Stadt versus Land wie auf territoriale Fixierungen eingeschworen.

Dabei, so Steinbrink/Niedenführ, würde gerade die EZ enorm davon profitieren, wenn sie die Verflechtungen zwischen Stadt und Land und damit auch die raumüberspannenden sozialen Netzwerke, die Mobilität für ärmere Haushalte erst möglich machen, bei ihren Maßnahmen mit in den Blick bekäme.

 

Soziale Netzwerke

 

Immerhin hat die internationale Migrationsforschung seit den 90er Jahren neue Perspektiven in die Debatte eingebracht. (S.29). Als Gegenentwurf zu räumlichen Fixierung auf den Nationalstaat wurde der Transnationalismus formuliert, dazu kam der Migrationssystemansatz.

(S.30). Damit richtete sich der Blick auch auf Soziale Netzwerke und auf „Sozialkapital“ – denn ohne diese sind transnationale „Migrationsfelder“ und auch translokale Haushalte nicht denkbar.

Die Autor*innen knüpfen, wie sie in den theoriebezogenen Ausführungen ihres Buches offenlegen, sowohl an netzwerkanalytische Ansätze an wie auch an das Verwundbarkeitskonzept sowie an das Livelihoodkonzept, das sie zum Konzept der Translokalen Livelihoods erweitern (Kapitel 2-4).

 

 

Krisenprozesse und gesellschaftlicher Wandel

 

Das Ausmaß der Translokalisierung der Existenzsicherung in Afrika stellen die Autor*innen in den Kontext der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der Länder südlich der Sahara.

In diesen Ländern findet gerade eine rasante Urbanisierung statt – mit jährlich 3,4 Prozent ist Afrika der Kontinent mit der höchsten Urbanisierungsrate. (Wobei der Urbanisierungsgrad mit 40 Prozent noch vergleichsweise niedrig ist).

Gleichzeitig ist die Landwirtschaft in einer Krise, die ökologische Degradation schreitet voran, kleinbäuerliche Wirtschaftsweisen werden durch cash crops verdrängt. Ein hohes Bevölkerungswachstum in Kombination mit niedrigen Agrarpreisen (um die Grundnahrungsmittelpreise für die Städter gering zu halten), verschärfte in der Vergangenheit die Situation (S.91).

 

Die Städte verfügen dabei über keine gute Infrastruktur und die Menschen finden meist nur Beschäftigung in informellen prekären Verhältnissen. „Die Urbanisierungsdynamik in Afrika ist ein Prozess des Städtewachstums ohne entsprechendes Wirtschaftswachstum“, so die Autor*innen.

 

Haushalte, deren Existenz auf dem Land unsicher geworden ist, ziehen daher auch nicht komplett in die Stadt, um dort sesshaft zu werden. Meist „schicken“ sie nur einzelne Familienmitglieder auf die Suche nach Arbeit. Diese wiederum halten die Kontakte zum Herkunftsdorf - die translokale Haushaltsführung wird so zu einem dauerhaften Zustand (S.94)

 

Ausmaß der Translokalität

 

Migrationsbewegungen werden fast nur international erfasst und sogar diese Daten sind lückenhaft. Zur Binnenmigration liegen so gut wie keine verlässlichen Zahlen vor. Auch translokale Haushalte fallen durch das Raster von Datenerhebungen, z.B. von Zensusdaten, weil hier immer von Sesshaftigkeit ausgegangen wird.

Eine quantitative Abschätzung von Translokalität muss also auf Erkenntnisse aus lokalen und regionalen Einzelstudien zurückgreifen, so die Autor*innen. Zwar ist Translokalität als Forschungsperspektive noch relativ neu. Aber auch in älteren Studien finden sich zahlreiche Anhaltspunkte („Spuren des Translokalen“) für translokale Mobilität und Netzwerkstrukturen. Allerdings ist in diesen Studien die Terminologie oft eine andere. Sie sprechen z.B. von zirkulärer Migration oder von Stadt-Land-Verflechtungen (S.96).

 

Nach Auswertung dieser Studien kommen die Autor*innen zu der Schätzung, dass 40 bis 60 Prozent der Menschen im ländlichen Subsahara-Afrika in translokal organisierten Haushaltsstrukturen leben. Bei den Städtern gehen sie sogar von 70 Prozent aus.

„In der Summe bedeutet das, dass in Afrika südlich der Sahara geschätzt mehr als eine halbe Milliarde Menschen – über 50 % der Gesamtbevölkerung – in translokale Livelihood-Systeme eingebunden sind,“ so Steinbrink/Niedenführ.

 

Vom Pionier zum Netzwerk

 

Wie aber entstehen die sozialen Netzwerke, die die translokalen Haushalte möglich machen? Steinbrink/Niedenführ gehen von drei Phasen aus.

Zunächst gehen Pioniere („Expandisten“) an einen andren Ort. Diese sind meist junge Männer – und es sind typische Arbeitsmigranten (S.113). In der zweiten Phase kommt eine Kettenmigration in Gang: Die Expandisten sind die Anlaufpunkte für weitere Migranten aus der Herkunftsregion. Die sich nun etablierenden Netzwerke werden von nachfolgenden Arbeitssuchenden genutzt, z.B. für Unterstützung bei Jobsuche oder Wohnen.

Sobald ein Migrant am Zielort über eine einigermaßen sichere Unterkunft und Arbeit verfügt, kommen auch Haushaltsmitglieder nach. Der Haushalt hat sich damit translokalisiert und die Migrationsformen werden vielfältiger. Es migrieren vermehrt Frauen und Kinder. Die Suche nach Sicherheit und Arbeit ist zwar immer noch wichtiges Migrationsmotiv, aber es kommen andere dazu. Migriert wird jetzt auch wegen eines Partners, besseren Bildungsmöglichkeiten, Gesundheit, Pflege von Angehörigen, Festen und Familienfeiern usw.

 

 

Wer bleibt, wer geht, wer kommt zurück

 

Die Arbeitsmigration von Männern hat in vielen Teilen Afrikas zu einem Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis geführt. Auf dem Land leben deutlich mehr Frauen - in der Stadt mehr Männer (S.118).

In einigen ländlichen Gebieten von Burkina Faso kommen auf 100 Frauen nur noch 70 Männer. Eine Besonderheit weiblicher Migrationsmuster zeigt eine Studie zu Slums in Nairobi: Frauen bewegen sich häufiger zwischen dem ländlichen Herkunftsort und der Stadt hin und her als die Männer. Dieselbe Studie belegt auch, dass Frauen häufiger familienbezogene Migrationsmotive haben wie Heirat, Kindererziehung, Pflege. Andere Studien zeigen, dass Frauen mit kleinen Kindern mit geringerer Wahrscheinlichkeit in die Städte ziehen.

Für Ghana zeigten drei Studien, dass Frauen zu 81 % aus familiären- und Heiratsgründen migrieren, aus Gründen der Erwerbstätigkeit nur zu 11% (S.123).

 

Interessant ist auch eine Studie zur Arbeitsmigration von Frauen in die Goldminen Burkina Fasos: Viele Frauen sind unverheiratet oder geschieden. Unter ihnen gibt es auch Frauen, die Kinder bei den Eltern zurücklassen, um einer Erwerbstätigkeit in den Minen nachzugehen. Hier spannt sich also, so die Autor*innen, das translokale Netz nicht primär zwischen Mann und Frau auf, sondern zwischen den weiblichen Arbeitsmigranten, ihren Eltern und Kindern (S.124).

 

Gut belegt ist auch die Altersstruktur der Gehenden und der Bleibenden: Auf Suche nach Lohnarbeit migrieren vor allem Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 45. Zurück bleiben die ganz Jungen und die Alten - wobei die zurückbleibenden erwerbsfähigen Erwachsenen am ländlichen Haushaltsstandort neben der Landwirtschaft auch eine wichtige Rolle in der Erziehung von Kindern sowie der Pflege von Alten und Kranken spielen.

Zum Ungleichgewicht in Bezug auf Alter trägt noch bei, das ältere Menschen zum Ende ihres Erwerbslebens oft in die ländlichen Haushaltstandorte zurückkehren.

Weil viele auch zum Sterben aufs Land kommen, sind im Übrigen dort auch die Mortalitätsraten höher und das verzerrt Statistiken.

 

Zusammenhang zwischen translokaler Organisation und Wohlstandsniveau

 

Sind ärmere Haushalte häufiger translokal organisiert als wohlhabende? Dazu finden die Autor*innen in der Forschung keine einhelligen Antworten. Klar ist die Datenlage nur in Bezug auf internationale Migration: Diese scheint eine Strategie der Wohlhabenderen zu sein (S.145).

 

Allerdings spricht aus Sicht von Steinbrink/Niedenführ einiges dafür, dass Transmigration nicht dazu beiträgt, vorhandene Disparitäten innerhalb ländlicher Gemeinschaften auszugleichen, sondern dass sie eher das Existenzniveau zementiert.

 

Schon bei den Migrationsmotiven zeigen sich Unterschiede: Die ärmeren und verwundbareren Haushalte translokalisieren sich aus Sicherheitsgründen und zur Krisenbewältigung. Mit einem ländlichen und städtischen Standbein meinen sie ihre Risiken besser abfedern zu können. Sie nehmen zugunsten von „Safety First“ sogar Einkommensverluste in Kauf - z.B. durch das Fehlen junger Familienmitglieder in der Landwirtschaft (S.70).

Wohlhabendere dagegen migrieren aus Sicht der Autor*innen eher im Sinne der Nutzenmaximierung und Akkumulation (S.71).

 

Nicht zuletzt, weil die Mitglieder wohlhabender ländlicher Familien meist über mehr Bildung und dadurch bessere Chancen am Arbeitsmarkt verfügen, sind sie auch in der Stadt wohlhabender. Ihre Rücküberweisungen aufs Land fallen dadurch höher aus.

Umgekehrt bleiben arme ländliche Haushalte trotz Geldüberweisungen aus der Stadt arm, denn dieses zusätzliche Einkommen wird am ländlichen Haushaltsstandort vornehmlich für konsumtive Zwecke verwendet und nur in seltenen Fällen investiert (S.133).

 

Die Autor*innen sehen sogar deutliche Hinweise darauf, dass vorhandene Disparitäten innerhalb ländlicher Gemeinschaften durch die translokale Organisation eher verschärft als abgemildert werden(S.135). Hier grenzen sich Steinbrink/Niedenführ explizit von den Ausgleichsmodellen der neoklassischen Wirtschaftsschule ab (S.233).

Solange Haushalte verwundbar sind, werden im ländlichen Raum auch keine Wachstumsdynamiken angestoßen. (Nur für die internationalen Rücküberweisungen von Mitgliedern wohlhabender Familien sind solche Wachstumsimpulse belegt (S.234).)

Zumal die Translokalisierung oft eine wachstumshemmende Wirkung hat, weil an entscheidender Stelle junge Arbeitskräfte fehlen. Sie hat so vielfach auch zu einer Verschlechterung der Marktposition von kleinbäuerlichen Betrieben geführt, so die Autor*innen.

 

Auch sind Menschen, die auf dem Land mit seinen niedrigeren Lebenshaltungskosten einen Rückhalt haben, bereit, in der Stadt extrem schlecht bezahlte Arbeiten anzunehmen. So trägt die Subsistenzwirtschaft auf dem Land zu einer informellen Subvention der Arbeitskosten in der Stadt bei. Die urbane Ökonomie verlagert einen Teil der Reproduktionskosten der Arbeitskraft in den ländlichen Subsistenzbereich (S.235).

Ausblick

 

Steinbrink/Niedenführ gehen davon aus, dass infolge von Krisen und ökonomischer Disparitäten die translokale Existenzsicherung noch zunehmen wird. Denn weder auf dem Land noch in der Stadt sind die Bedingungen für verwundbare Gruppen so, dass ganze Haushalte dauerhaft von den ökonomischen Möglichkeiten dort leben können.

Unterstützt wird dieser Trend noch durch die Möglichkeiten der mobilen Kommunikation und die Erleichterung von Geldüberweisungen z.B. durch Systeme des mobile cash transfers.

Die digitale Kommunikation hat dabei auch eine ganz überraschende Auswirkung auf das Mann-Frau Verhältnis: Spielräume, die die Frauen durch Arbeitsmigration in die Stadt oder infolge ihrer alleinigen  Zuständigkeit für die Landwirtschaft gewonnen haben, werden durch die digitalen Kontrollmöglichkeiten der Männer, sprich durch mobile Kommunikation, wieder eingeschränkt.

 

Weil uns, die ASW, die Auswirkungen der translokalen Haushaltsorganisation auf das Geschlechterverhältnis ganz besonders interessieren, haben wir die wesentlichen Ergebnisse der beiden Autor*innen in einem Kasten (s.u.) zusammengestellt.

 

Wir sprechen den beiden Autor*innen hier einen großen Dank für ihre Systematik, für ihren Abriss der Theorieentwicklung und besonders für die Auswertung der großen Zahl von Einzelstudien der vergangenen 30 Jahre aus. Dadurch ist das Buch eine enorm hilfreiche Handreichung für Menschen, die außerhalb der universitären Forschung zu Afrika arbeiten.
Außerdem regt es zu einer mentalen Ablösung vom vertrauten Ort an und damit zu einer Translokalisierung im erweiterten Sinne. Allen Menschen in der entwicklungspolitischen Praxis würden wir aus diesem Grund den Blick über den Zaun hin zu den Sozialwissenschaften und hin zur politischen Geographie – und damit dieses Buch - wärmstens empfehlen.

 

Isabel Armbrust, Mitarbeiterin der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt

 

Malte Steinbrink, Hannah Niedenführ: Afrika in Bewegung - Translokale Livelihoods und ländliche Entwicklung in Subsahara-Afrika
Bielefeld 2017, 280 Seiten.

 

 

 

 

Führt die translokale Organisation von Haushalten zur Stärkung von Frauen?

 

Zur Frage, wie sich Migration und Translokalisierung genau auf Geschlechterollen auswirken, finden  Steinbrink/Niedenführ in den Studien zu Afrika stark voneinander abweichende Sichtweisen. Einige der von ihnen ausgewerteten Arbeiten betonen die emanzipatorische Rolle der translokalen Lebensführung, andere sehen die Konsequenzen für Frauen deutlich kritischer (S.191). Die Ergebnisse hängen auch davon ab, ob Frauen selbst migrieren oder ob sie mit Aufgaben in der Landwirtschaft allein zurückbleiben.

 

Feminisierung der Migration

Zu den Veränderungen der jüngeren Zeit gehört, dass immer mehr Frauen selbst migrieren. Hier schließen sich zahlreiche Fragen an: Ist dieser Trend Ausdruck bereits geänderter Geschlechterollen? Oder ist die weibliche Migration vielleicht nur Ausdruck einer stärkeren Verwundbarkeit armer Haushalte, die die Mobilität vieler Haushaltsmitglieder erzwingt?

Und wenn eine Frau migriert – erlangt sie dadurch mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten oder hat sie einfach ihre Rollen im Gepäck? Wird sie vielleicht durch die Migration den an sie gerichteten Rollenerwartungen erst gerecht?

Einhellige Antworten darauf liefern die Fallstudien „keineswegs“, so Steinbrink/Niedenführ.

 

Die Autorinnen kommen schließlich zu dem Schluss, dass der Zusammenhang zwischen einer Feminisierung der Migration und Wandel der Geschlechterbezüge in der Afrikaforschung bisweilen überbewertet wird (S.196).

Was manche Studien als Emanzipationsgewinn deuten, dass z.B. junge ungebildete Frauen allein in die Stadt gehen und dort bei einem Verwandten leben, deuten Steinbrink/Niedenführ eher als Akt der translokalen Existenzsicherungsstrategie von verwundbaren Haushalten.

Nur für junge, besser ausgebildete Frauen sei die Migration (ohne Begleitung) ein Schritt zu mehr Selbstständigkeit, so die Autor*innen.

Diese Form der Bewegung sei im afrikanischen Kontext aber eher selten (S.196). Denn für Frauen stellt sich eine unabhängige Migration als noch schwieriger dar als für Männer. Sie sind noch mehr als diese auf existierende Netzwerke angewiesen. Zudem haben sie auf den städtischen Arbeitsmärkten schlechtere Chancen und erhalten niedrigere Löhne als die Männer.

 

Für Steinbrink/Niedenführ gibt viele Hinweise, dass der seit Jahrzehnten zu beobachtende Anstieg weiblicher Wanderung mit der steigenden Bedeutung translokaler Existenzsicherung zusammenhängt:

„Vermutlich findet ein Großteil der weiblichen Migration heute innerhalb translokaler sozialer Felder und zwischen verschiedenen Standorten translokaler Haushalte statt. Das heißt: Die Migration von Frauen bedeutet kein Verlassen bzw. Hintersichlassen eines sozialen Gefüges, sondern räumliche Mobilität innerhalb eines bestehenden sozialen Zusammenhangs, der sich raumübergreifend formiert. Sie wandern nicht, um ihrer Rolle im Haushalt zu entkommen, sondern um dieser im translokalen Haushalt gerecht zu werden (S.198).

 

Allerdings scheinen sich die Aufgaben der Frauen in diesen Zusammenhängen zu verändern: Es geht nicht mehr nur um die Versorgung von Kindern, Alten und Kranken, sondern um Erwerbstätigkeit, die wiederum ermöglicht wird durch einen gestiegenen Bildungsstand bei Frauen, so Steinbrink/Niedenführ. „Insofern gewinnt die Schulbildung der im ländlichen Raum lebenden Mädchen für die Haushalte einen höheren – auch ökonomischen – Stellenwert“ (S.199).

 

 

Eine gewisse Hoffnung auf weibliche Emanzipation lassen sich Steinbrink/Niedenführ schließlich doch nicht nehmen. „Obwohl die weibliche Arbeitsmigration in den meisten Fällen eher ökonomischen Zwängen entspringen dürfte, als direkter Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung zu sein, ist zu vermuten, dass die veränderte Rolle von Frauen innerhalb translokal organisierter Livelihoodsysteme langfristig auch zu einem Wandel der gesellschaftlichen Positionierung der Frauen führen wird. Denn die weibliche Arbeitsmigration bedeutet – nicht zuletzt, da erwerbstätige Frauen über ein eigenes Einkommen verfügen – eindeutig einen Zugewinn an Unabhängigkeit. In Fällen, in denen sie sogar mehr verdienen als die männlichen Haushaltsmitglieder, kommt das einer substanziellen

Verschiebung der Rollenverhältnisse gleich“(S.199).

 

Sehr interessant ist schließlich noch der Einfluss dieser Unabhängigkeit auf das Rückkehrverhalten der Frauen: Mehrere Studien belegen, dass Frauen lieber dauerhaft in Städten bleiben wollen als Männer.

Steinbrink hat in einer eigenen Studie von 2009 zu Südafrika herausgefunden, dass Frauen froh sind, wenn sie typisch ländliche Frauentätigkeiten wie Wasser- oder Feuerholzholen nicht mehr erledigen müssen.

Für Steinbrink/Niedenführ bedeutet das allerdings nicht, „dass Frauen sich eher aus translokalen Zusammenhängen lösen als Männer“(…) Es zeigt nur, „dass sie ihre Aufgaben im translokalen Livelihood u. U. lieber auf der städtischen Seite übernehmen und diese Möglichkeit aufgrund ihrer wachsenden ökonomischen Unabhängigkeit im Zuge der zunehmenden Einbindung in den (städtischen)Arbeitsmarkt auch eher wahrnehmen können“ (S.201).

 

Und was ist mit den Zurückgebliebenen?

 

Wie schon bei der Feminisierung der Migration ist laut Steinbrink/Niedenführ auch bei der Feminisierung der Landwirtschaft nicht eindeutig, wie sich diese auf die Geschlechterordnung auswirkt (S.204/205).

Sehr eindeutig ist dagegen das Ausmaß dieser Feminisierung: In Afrika werden heute (u.a. aufgrund der Abwesenheit der Männer) über 90 Prozent der Grundnahrungsmittel und 30 % der Marktfrüchte von Frauen produziert. In den meisten Regionen sind 50 % bis 80 % der Arbeitskräfte Frauen (S.202).

Das Resumee der Autor*innen ist vorsichtig: „Zwar haben sich mit Feminisierung der LW die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der Frauen deutlich erweitert, jedoch hat sich damit deren gesellschaftliche Position kaum verbessert“ (S.206). Die Verfügung von Frauen über die Ressourcen und über Land bleibt gering:

„In Afrika südlich der Sahara ist das Geschlecht weiterhin die zentrale Kategorie, die über Ressourcenzugang und –kontrolle entscheidet“ (207).