Die Menschen müssen an der wirtschaftlichen Entwicklung Burkina Fasos partizipieren

Interview mit Ouiry Sanou zur Mobilisierung gegen die Bergbauunternehmen

Ouiry Sanou koordiniert die ASW-Partnerorganisation „Organisation Démocratique de la Jeunesse du Burkina Faso“, ODJ. Im Interview berichtet er, wie ODJ die Selbsthilfeorganisation und die Vernetzung der Betroffenen gegen die Minengesellschaften unterstützt.

 

Frage: Beeinflusst die Sicherheitslage in Burkina Faso den Boom im Bergbau? Gibt es noch immer viele Unternehmen, die investieren wollen? Wenn ja, welche?

Die Sicherheitslage beeinflusst die Bergbautätigkeit nicht wesentlich. Bisher hat nur ein Unternehmen seine Aktivitäten eingestellt. Dies ist die Inata-Goldmine in der Provinz Soum. In Burkina Faso gibt es 13 Goldminen (Essakane, Inata, Taparko, Bissa, Mana, Poura, Youga, Boungou, Teranga, Hounde, Karma, Bagassi, Sanbrado). Eine Zinkmine (Perkoa), eine Manganmine (Tambao) und mehr als 600 handwerkliche und halbmechanisierte Bergbau- und Goldminen sowie mehrere Explorationsunternehmen, die in Summe etwa 50 Prozent unseres Staatsgebietes bewirtschaften.

 

Welche Folgen hat der Bergbau für die Menschen? Können Sie einen kurzen Überblick geben?

Viele Menschen verlieren aufgrund der Minen ihr Land und ihre Existenzgrundlage. Denn meist erfolgt die Verdrängung und Enteignung ohne angemessene Entschädigung. Auch die Orpailleurs, die handwerklichen Bergleute, werden ohne angemessene Entschädigung verdrängt. Die Umwelt wird zerstört, Äcker sind nicht mehr für die Landwirtschaft zu gebrauchen. In den Minen werden Minderjährige beschäftigt.

Außerdem ist die Infrastruktur, die durch die Bergwerke entsteht, auf deren Zwecke ausgerichtet und nicht auf die Förderung der lokalen Entwicklung.

 

Wie viele Menschen mussten wegen der Minen gehen?

Wir haben keine Statistiken, aber wir müssen von mehreren tausend Menschen ausgehen, die bis heute durch die Minen vertrieben wurden.

 

Wie viele von ihnen wurden entschädigt? War die Entschädigung ausreichend?

Wieder haben wir keine genauen Zahlen und es ist sehr schwierig, solche Zahlen von den Bergbaugesellschaften zu bekommen. Wir wissen aber, dass es in einigen Fällen keine Entschädigung gab (SAMBRADO-Mine) oder dass sie lächerlich gering ausfiel. Das treibt die Menschen zur Revolte.

 

Wie viele Menschen waren indirekt betroffen und mussten ihren Wohnort verlassen, zum Beispiel aufgrund von Wasserverschmutzungsproblemen? Was ist danach mit ihnen passiert?

Wir haben auch hier keine Zahlen.

 

Wohin gehen diese Vertriebenen? Gehen sie in die großen Städte von Burkina Faso oder sogar in andere Länder?

Die meisten der Vertriebenen gehen in Städte oder an andere Orte, wo sie die Möglichkeit haben, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Einige wandern jedoch in Küstenländer wie die Elfenbeinküste, Ghana oder in Länder wie Gabun, Äquatorialguinea oder nach Europa aus.

 

Jetzt zur Arbeit Ihrer Organisation. Wie kommen Sie mit den Betroffenen in Kontakt?

Es gibt drei Möglichkeiten. Im ersten Fall ist die ODJ schon in einem Gebiet tätig. Wenn sich dann eine Mine ansiedelt, können wir sofort auf die neue Situation reagieren und auf die Probleme, die sich für die Menschen ergeben.

Im zweiten Fall sind die jungen Menschen bereits im Widerstand gegen die negativen Praktiken einer Mine. Sie erfahren schließlich von der Arbeit von ODJ und kontaktieren das Nationale Exekutivbüro. Dieses hilft ihnen sodann dabei, sich zu organisieren. So können die Betroffenen schließlich ihre Forderungen an die zuständigen Behörden weiterleiten.

Der dritte Fall ist der, dass umgekehrt wir von Problemen erfahren, die junge Menschen eines Ortes mit einer Mine haben. Wir schicken dann eine Delegation, die die Situation vor Ort analysieren soll. Danach empfehlen wir den jungen Menschen, sich über die ODJ zu organisieren, um gehört zu werden.

 

Was passiert als nächstes?

Sobald der Kontakt hergestellt ist, organisieren sich die Jugendlichen in den verschiedenen Dörfern und Dorfvierteln, indem sie Ausschüsse und Unterausschüsse bilden. Sie formulieren ihre Ansprüche in einem schriftlichen Dokument, der sogenannten Forderungs-Plattform. Diese Forderungskataloge werden dann an die zuständigen Behörden weitergeleitet und diese übermitteln sie den Verantwortlichen der Mine. Normalerweise führen die Behörden einen Austausch mit den Minenvertretern dazu durch. Am Ende erstatten diese Verantwortlichen den Jugendlichen Bericht. Sind diese unzufrieden mit der Reaktion, informieren sie wieder die Behörden. Falls offensichtlich keine Bereitschaft besteht, die Bedenken zu lösen, können Aktionen eingeleitet werden, um Druck auf die Mine und die Behörden auszuüben.

 

Können die Betroffenen dann beispielsweise die Schließung einer Mine einfordern?

Ja. Es kommt vor, dass junge Leute und die Öffentlichkeit erkennen, dass die Mine nicht auf Forderungen eingehen will. Unter diesen Bedingungen zielt der Kampf auf das Schließen der Mine. Dies war bei SOMIKA der Fall und mehr und mehr auch bei anderen Minen wie Bissa Gold und anderen, die die Menschen nicht achten.

 

Wir bevorzugen zunächst immer den weniger radikalen, also den staatsbürgerlichen Weg. Aber wenn dieser keine Aussicht hat, reagieren wir mit Selbstverteidigung. Die Methode des Kampfes bestimmt nicht die ODJ. Denn es ist, wie Nelson Mandela schon sagte, „immer der Unterdrücker, nicht der Unterdrückte, der die Form des Kampfes bestimmt. Wenn der Unterdrücker Gewalt anwendet, haben die Unterdrückten keine andere Wahl, als mit Gewalt zu reagieren ... "

 

Seit der Umsetzung des Gesetzes von 2015, das den Bergbau regeln soll, haben die Gemeinden mehr Verantwortung in Bezug auf Minen. Es gibt den „Local Development Mining Fund“, den einige Gemeinden für den Bau von Schulen und Brunnen nutzen. Arbeitest du mit solchen Gemeinden?

Die Gemeinden haben nicht wirklich eine größere Verantwortung und die Bergbaugesellschaften verhalten sich weiterhin wie koloniale Enklaven in unserem Land. Bürgermeister und örtliche Behörden interessieren sie nicht. Das ist inakzeptabel.

Aber immerhin haben Bürgermeister von Bergbaukommunen heute morgen auf einer Pressekonferenz ihre Unterstützung der Zivilgesellschaft bekanntgegeben, damit die Minengesellschaften ihre Verpflichtung zur Entwicklung erfüllen.

Was nun den Bergbau-Entwicklungsfonds betrifft: Mehrere Bergbauunternehmen wollen sich nicht an das Gesetz von 2015 halten, weil es aus ihrer Sicht nicht rückwirkend angewendet werden kann. Diese Unternehmen beziehen sich auf den Bergbaukodex der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA), um ihre Ablehnung zu untermauern. Denn in Artikel 17 heißt es:

„Während der Gültigkeitsdauer dieser Bergbaurechte bleiben die in den geltenden Verordnungen vorgesehenen Regeln für die Festsetzung und Zahlung von Steuern, Zöllen und Abgaben in ihrer zum Zeitpunkt der Erteilung der Bergbaurechte geltenden Fassung bestehen, und für den Inhaber oder Begünstigten gelten während dieses Zeitraums keine neuen Steuern oder Abgaben jeglicher Art.

Im Falle einer Senkung der Steuer- und Zollgebühren oder ihrer Ersetzung durch eine günstigere Steuer- und Zollregelung können sich die Inhaber von Bergwerkswertpapieren jedoch für diese günstigere Regelung entscheiden, sofern sie sie vollständig übernehmen.“

Dieser Entwicklungsfonds bleibt daher eine nur hypothetische Möglichkeit, solange die Bevölkerung und die Jugend die Kolonisten des neuen Typs nicht unter Druck setzen.

 

Wie funktioniert diese Zusammenarbeit mit den an solchen Projekten beteiligten Kommunen?

Oftmals sind die Beziehungen zwischen ODJ und den Gemeinde-Institutionen sehr angespannt, da die meisten die Bergbaugesellschaften blind bei ihrer mittelalterlich anmutenden Rohstoffplünderung unterstützen.

 

Was macht die ODJ sonst noch? Wir haben erfahren, dass Sie auch gegen Agrarunternehmen im Baumwollsektor mobilisieren.

Die ODJ war nicht die aktivste Organisation im Kampf gegen die Firma MONSANTO, denn dieser Kampf war am intensivsten zu einer Zeit, als die ODJ in der bäuerlichen Jugend noch nicht sehr gut verankert war. Wir sind jedoch Teil dieses Kampfes.

Allerdings sind die Aktivitäten der ODJ in den Regionen sehr unterschiedlich. Es gibt Aktivitäten zu Querschnittsthemen wie Bergbau, der Landfrage, Jugendbeschäftigung, Baumwollanbau. Darüber hinaus arbeiten wir zu sozialen Probleme wie Gesundheit, Landverteilung, individuelle und kollektive Freiheiten von Jugendlichen, machen staatsbürgerliche und politische Bildung und führen kulturelle und sportliche Aktivitäten durch.

 

Sie fordern auch eine gerechtere und fairere Gesellschaft in BF: Wie erreichen Sie dieses Ziel?

Erstens fordern wir eine Verbesserung der Lebensbedingungen junger Menschen: Beschäftigung, Gesundheit, Bildung, Freizeit usw.

Wir wissen jedoch, dass die gegenwärtige burkinische Gesellschaft auf doppelter Ungerechtigkeit basiert: Der Kapitalismus selbst ist ein System, das Ungerechtigkeit und Ungleichheit schafft. Solange es ihn gibt, wird die Gesellschaft nicht gerecht sein.

Dazu kommt die Plünderung der Ressourcen unseres Landes durch die imperialistischen Mächte. Vor allem der französische Imperialismus und seine lokalen Statthalter dominieren unser Land. Unser Land kann sich nicht entwickeln, da seine Ressourcen und Arbeitskräfte vom Ausland genutzt werden. Aufgrund dieser Dominanz kann Burkina Faso nicht einmal ein „normales“ kapitalistisches System entwickeln.

Die Jugendlichen müssen sich dessen bewusst sein, dass die Bevölkerung von Burkina Faso das imperialistische kapitalistische System überwinden möchte, um eine gerechte Gesellschaft zu erhalten. Allerdings kann die ODJ als Jugend- und Zivilgesellschaftsorganisation eine solche große politische Veränderung nicht herbeiführen. Sie trägt aber insofern zu einer solchen Veränderung bei, indem sie das Bewusstsein der jungen Menschen weckt und stärkt. Jugendliche beteiligen sich damit an den Veränderungen.

 

Wie sprechen Sie insbesondere Frauen an? Auf den Fotos der Konferenzen sehen wir nur Männer.

Wir versuchen, junge Frauen und Mädchen zu motivieren, sich an den Aktivitäten der ODJ zu beteiligen. Andernfalls sind unsere Kämpfe nicht wirklich befriedigend, da Frauen 52 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die ODJ hat Fortschritte bei der Einbeziehung von Frauen erzielt. 37 unserer Gruppen auf dem letzten Kongress hatten weibliche Untergruppen, die aus jungen Kämpferinnen bestanden. Das Ergebnis ist, dass immer mehr Frauen an Aktivitäten teilnehmen. Bei der Mobilisierung von Frauen müssen aber noch enorme Anstrengungen unternommen werden.

 

Was ist der bisher größte Erfolg Ihrer Arbeit?

Die Mitgliedschaft und das Engagement Tausender junger Menschen in der ODJ ist aus unserer Sicht ein großer Erfolg. Die Organisation muss sich weiterhin für eine kämpferische und bewusste Jugend einsetzen, die in der Lage ist, zum Aufbau eines freien Burkina Faso beizutragen, in dem ein gutes Leben für alle möglich ist.

 

Das Interview führten Boubacar Diop und Klemens Thaler

"Wir bevorzugen zunächst immer den weniger radikalen, also den staatsbürgerlichen Weg. Aber wenn dieser keine Aussicht hat, reagieren wir mit Selbstverteidigung." Ouiry Sanou