Die langjährige Streiterin gegen den Staudamm Belo Monte wurde von der Alexander Soros Foundation geehrt

Antônia Melo ist Herz und Leitfigur des Movimento Xingu Vivo para Sempre und hat zusammen mit dieser Bewegung gegen den drittgrößten Staudamm der Welt gekämpft. Belo Monte wurde dennoch gebaut. Aber die Welt hat erfahren, wieviel Rechtsbeugung durch Regierungen und Unternehmen nötig ist, um ein derart zerstörerisches Großprojekt durchzuziehen. Für Antônia Melo und das Movimento Xingu geht der Kampf weiter. Sie werden ihre Erfahrungen jetzt in den Kampf gegen andere geplante Staudämme in Brasilien einbringen und den Bewegungen vor Ort zur Seite stehen.

Diesen Einsatz für Menschenrechte und den Erhalt der Umwelt hat am 10. Oktober 2017 die US-amerikanische Alexander Soros Foundation mit der Auszeichnung Antônia Melos mit dem jährlich vergebenen Menschenrechtspreis gewürdigt. Das Movimento Xingu wird von der ASW unterstützt.

 

Die Vorgeschichte von Belo Monte

 

Mitte der 1950er Jahre, als Antônia Melos Eltern mit der damals Vierjährigen und ihren 12 Geschwistern nach Altamira zogen, galt Amazonien als noch unerschlossenes, zukunftsträchtiges Land, das es zu besiedeln gelte. Ab Ende 1955, mit dem Präsidenten Juscelino Kubitschek, sollte das "neue Brasilien", das Brasilien der "fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren" kommen - und Amazoniens Erschließung sollte Teil davon werden. So sah Antônia Melo im Lauf der Jahrzehnte den Bau der Transamazônica, die ersten Plänen für das Vorläufermodell von Belo Monte, Kararaô, das die erste von bis zu sechs Staustufen am Fluss Xingu sein sollte. Antônia ahnte die Umwälzungen und sozialen Verwerfungen, die solch ein Projekt in Amazonien bewirken würde. Sie sah auch den Widerstand, den die Kayapó-Indigenen gegen Kararaô auf die Beine stellten und erlebte, wie Tuíra Caiapó von den Kayapó sich 1989 in Altamira alleine vor den Ingenieur und späteren Eletrobras-Chef José Antônio Muniz Lopes stellte und ihm zuerst unmissverständlich ihren Widerstand gegen Kararaô klarmachte und dies dann mit einem geschickten Schnitt mit ihrer Machete als deutliches Fanal indigener Entschlossenheit auf des Ingenieurs Wange hinterließ.

 

Antônia sah, wie solch entschlossener Widerstand auch Erfolge erzielen kann, oder zumindest: Etappensiege. Er brachte immerhin die Weltbank dazu, sich aus der Finanzierung Kararaôs zurückzuziehen. Die Gegner Kararaôs konnten Anfang der 1990 nicht wissen, dass die Regierung Lula das Projekt unter neuem Namen, "Belo Monte", "Schöner Berg", wieder aufleben lassen würde. 2011 wurde unter rechtlich zweifelhaften Eingriffen seitens der Regierung die Baugenehmigung für Belo Monte erteilt.

 

Der Bau schritt voran, immer wieder durch die Rechtseingaben der Bundesstaatsanwälte unterbrochen, hielten sich doch Regierung, Baufirmen und die verantwortliche Staudammbetreiberfirma Norte Energia nicht an die vielfältigen sozialen und Umweltauflagen. Diese sind bis heute, wo der Bau zu mehr als 90 Prozent fertiggestellt ist, noch immer nicht erfüllt.

 

Die Geburt von Xingu Vivo para Sempre

 

Aber es gab Widerstand. Und der wurde diesmal von einer Frau initiiert. Es war Antonia Melo, die die Widerstandsbewegung Xingu Vivo para Sempre gründete und die Bewohnerinnen und Bewohner von Altamira zusammenrief, Flussanwohner und Fischer herbeitrommelte und sich mit den verschiedenen, teilweise historisch schwer zerstrittenen indigenen Gruppen zusammensetzte und beratschlagte, debattierte und zur Aktion schritt: Demos, Mahnwachen, Petitionen, Online- und Printkampagnen, Baustellenbesetzungen, die Antonia Melo das gerichtliche Verbot, sich dem Baugelände des Staudamms je wieder zu nähern, zuteil werden ließ. Freundschaften zu Leuten, denen Geld dann doch wichtiger war, zerbrachen, es gab Bespitzelungen, Rufmordkampganen und sogar Morddrohungen gegen Antonia Melo.

 

Antônia Melo hat weiter gekämpft. Sie reiste zu Veranstaltungen und Kongressen, zu Demos und gab Interviews. Dabei stellt sie ihre Rolle und Person in den Hintergrund - die Sache, der Kampf und Widerstand gegen zerstörerische Großprojekte hat immer Priorität. Antônia Melo ist in ihren Reden oft emotional, zornig, ja wütend angesichts all der Rechtsbrüche und Tricks, die die Regierung, die Baufirmen und Norte Energia anwandten. Aber immer ist sie bestimmt in der Sache und korrekt in ihren Ausführungen.

 

Der Kampf gegen den Bau des weltweit drittgrößten Wasserkraftwerks im Herzen des brasilianischen Amazonas, der Kampf gegen Belo Monte ist verloren. Der Damm wurde trotz allen Widerstands gebaut, ein Wald geflutet und die Stromproduktion beginnt. Die Anwohner am Fluss und in der Stadt Altamira, die Kleinbauern und Indigenen finden sich nun inmitten einer zerstörten Umwelt und erodierenden Sozialstruktur.

 

Aber der Widerstand lebt. Denn Antônia Melo und ihre MitstreiterInnen bei Xingu Vivo para Sempre haben aus der Erfahrung von Belo Monte gelernt und unterstützen andere Gruppen, denen ein ähnliches Schicksal droht: So zum Beispiel am Tapajós, am Teles Pires und am Juruena, wo sich die Flussanwohner, die Fischer und KleinbäuerInnen gemeinsam mit Munduruku, Kayabi, Apiaká und anderen indigenen Völker gegen die Pläne von derzeit 43 Großstaudämmen und über 100 sogenannten "kleinen" Staudämmen (die in Europas Dimension Großstaudämme wären) zur Wehr setzen.

Dort will die Regierung zusätzlich zu den Staudämmen, die auch den Wasserlauf regulieren sollen, Wasserstraßen bauen, damit das Soja und die Bodenschätze aus Mato Grosso und dem Süden von Pará leichter auf den Weltmarkt gelangen. Antônia Melo kämpft weiter. Sie ist eine der wenigen, die das volle Vertrauen der Munduruku, Kayabi, Apiaká, der Kleinbauern, Fischer und Flussanwohner genießt. Denn sie kann Empathie, Überzeugung und den festen Glauben an die Kraft des Widerstands an der Basis geben. Antônia Melo ist eine würdige Preisträgerin.

Christian Russau

 

 

 

Antônia Melo, Mitte, war auch dabei, als 2015 die indigenen Munduruku im Rahmen der COP 21 in Paris den Equator Prize der UNO verliehen bekamen. 

Xingu Vivo Para Sempre

Die Bewegung Xingu Vivo Para Sempre ist ein Zusammenschluss von indigenen Gruppen und sozialen Bewegungen, die sich gegen das sozial und ökologisch zerstörerische Wasserkraftprojekt Belo Monte wehren und heute, nach weitgehender Fertigstellung des Projektes, auch für Entschädigungen kämpfen. Die Erfahrungen aus dem Widerstand gegen Belo Monte werden an andere Bewegungen weitergegeben.