Indiens Bundesstaat Andhra Pradesh wird pestizidfrei

 

Eine aktuelle Studie warnt vor Datenklau

 

Bis 2024 soll Andhra Pradesh mit seinen 50 Millionen Einwohner*innen zu einer komplett pestizidfreien Zone werden. Die Regierung des südindischen Bundesstaates will bis dahin alle sechs Millionen Bäuer*innen zum natürlichen Landbau geführt haben. Ein Öko-Programm von einem solchen Ausmaß gab es bislang nirgendwo auf der Welt. Entsprechend groß ist das Echo – auch bei Deutschlands NGOs wird über CRZBNF – Climate Resilient Zero Budget Natural Farming 1) – debattiert.

 

Unser Partner Dr. G V Ramanjaneyulu, den einige unserer Leser*innen im November 2018 während einer Vortragsreise treffen konnten, steht mit seinem „Centre for Sustainable Agriculture“ Bäuer*innen seit 20 Jahren erfolgreich beim pestizidfreien Landbau 2) bei, teils in Kooperation mit der Regierung. In dem südindischen Bundesstaat konnte so der Pestizideinsatz bereits um 50 Prozent reduziert werden.

Auch in das neue „Climate Resilient Zero Budget Natural Farming“ -Programm der Regierung von Andhra Pradesh ist das „Centre for Sustainable Agriculture“ involviert. Denn wenn der Übergang zu einer ökologischen Landwirtschaft ohne externe Inputs in dem geplanten Ausmaß funktioniert, wäre das Programm eine Blaupause für ganz Indien und sogar die ganze Welt. Bäuer*innen entkämen der Verschuldung und würden eine Umwelt hinterlassen, in der auch künftige Generationen noch existieren können.

Allerdings sehen viele Vertreter*innen der Zivilgesellschaft in Indien das Programm auch kritisch. Nicht nur die Umweltaktivistin Vandana Shiva fürchtet, dass einige Agrarmultis und z.B. die Bill & Melinda Gates Stiftung versuchen werden, einen Fuß in die Tür von CRZBNF zu bekommen. 

Die Environment Support Group in Bangalore analysiert in einer aktuellen Studie 3) die Schwachstellen des Programms genauer und leitet daraus konkrete Forderungen ab.

Andhra Pradeshs Regierung und die anderen ausführenden Instanzen sollten transparenter auftreten und die Finanzierung offenlegen, damit die Zivilgesellschaft das Programm kritisch begleiten kann. Vor allem müssen die zur Wirkungskontrolle des Programms geplanten Datenerhebungen mit Biodiversitäts-Schutzgesetzen abgestimmt werden. Sonst besteht die Gefahr, dass z.B. Agrarmultis Zugriff auf sensible Daten zu traditionellen Pflanzensorten erhalten und die Verfügung der Bäuer*innen über ihr eigenes Saatgut blockieren könnten.

Im folgenden erhalten Sie einen Überblick über die aus unserer Sicht wichtigsten Ergebnisse der Studie.

 

Im Anschluss daran lassen wir nochmal unseren Partner Dr. GV Ramanjaneyulu zu Wort kommen. Er hat uns per E-Mail einige Anmerkungen zur Studie der Environment Support Group übermittelt.

 

Andhra Pradeshs „Climate Resilient Zero Budget Natural Farming Programme“ unter der Lupe

 

„Wenn Dinge zu gut erscheinen, um wahr sein zu können, sind sie meistens tatsächlich zu gut, um wahr zu sein.“ Der Skeptiker Leo Saldanha komprimiert in dieser Sentenz einen seiner Schlüsse zu Andhra Pradeshs Programm. Gleichzeitig hält er das Programm aber auch für zu gut und zu wichtig, um es nicht kritisch zu begleiten. Nur durch eine Aufdeckung von Ungereimtheiten und durch eine transparente Kommunikation der Finanzierung kann eine Verwässerung des konsequent ökologischen Ansatzes verhindert werden. „Bei einem Programm, bei dem es ausdrücklich um eine Minimierung der Investitionskosten geht (“Zero Budget” Natural Farming), muss gut und nachvollziehbar begründet werden, warum Milliarden von Rupien zu seiner Realisierung notwendig sind", so Saldanha.

 

Parallelstrukturen zu Gemeinderegierungen, Digitalisierungsvisionen und große Geldgeber

 

Zur Umsetzung des Zero Budget Natural Farming Programms hat die Regierung Andhra Pradeshs die „Farmers Empowerment Corporation“ RySS ins Leben gerufen. Sie soll alles von Schulung, Beratung, Organisierung bis zu Vermittlung von Krediten an Farmer leisten. Ihr Chairman ist Ministerpräsident Chandrababu Naidu persönlich, der Vize ist der Landwirtschaftsminister Andhra Pradeshs und an seiner Seite steht als Ko-Vizevorsitzender der Agrarexperte und ehemalige hohe Beamte T Vijay Kumar.

 

Dass das "Zero Budget Natural Farming"-Programm eine Herzensangelegenheit des Ministerpräsidenten des Bundesstaates ist, kann von Vorteil, aber auch ein Nachteil sein. Saldanha sieht vor allem die Nachteile. Mit RySS hat die Regierung eine Parallelstruktur zu Organen der Lokalverwaltung (Panchayat Raj) geschaffen, denen laut indischer Verfassung eigentlich landwirtschaftsbezogene Aufgaben, inklusive der Agrarberatung obliegen.

 

Weiter ist für Saldanha problematisch, dass Chandrababu Naidu sich für High-Tech-Lösungen begeistert und die Nähe großer Geldgeber sucht. Im September 2018 reiste er anlässlich der UN-Vollversammlung nach New York, um dort seine Idee eines pestizidfreien und zugleich durchdigitalisierten Andhra Pradeshs mit anderen zu teilen.

Zuvor, im Juni 2018, hatte die Umweltorganisation der Vereinten Nationen, UNEP, bekanntgegeben, das Natural-Farming-Programm in Andhra Pradesh zu unterstützen. Dazu wurde ein Finanzierungsarrangement mit der französischen Bank BNP Paribas und dem World Agroforestry Centre, ICRAF, getroffen und zur Umsetzung die Sustainable India Finance Facility, SIFF, eingesetzt. Diese Finanzierungsstruktur wiederum soll weitere Geldgeber anwerben.

Saldanha stört sich an dreierlei. Erstens outet sich der Chef des UNEP, Erik Solheim, der Chandrababu Naidu im September 2018 nach New York geholt hatte, in seinem Einladungsschreiben als Freund einer Kommodifizierung und Finanzialisierung der Landwirtschaft. Das Prinzip von ZBNF scheint er damit zu verfehlen. Zweitens wirft die finanzielle Beteiligung der Paribas Bank ethische Fragen auf. Paribas ist nämlich gleichzeitig in sozial und ökologisch zerstörerische Projekte involviert und hat dafür 2015 auch die Negativauszeichnung Pinocchio-Award erhalten. Drittens hüllen sich die Vertreter von SIFF, die Gelder auch der BNP Paribas umsetzen, gegenüber Journalist*innen in Schweigen. Saldanha wirft SIFF vor, an einem Greenwashing von Paribas mitzuwirken.

 

Das Einwerben von Geld obliegt aber nicht nur der SIFF. Auch Chandrababu Naidu nutzt Gelegenheiten, um weitere Unterstützung für sein Programm zu finden. Auf Youtube kann ein Video geschaut werden, das den Ministerpräsidenten Andhra Pradeshs im Januar 2018 bei einer Powerpräsentation auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zeigt: https://www.youtube.com/watch?v=SOShDrI0dmQ&feature=youtu.be (ab Minute 4:33 )

 

Bill Gates – ein gern gesehener Gast?

 

Zwei Monate zuvor, im November 2017 richtete Chandrababu Naidu zusammen u.a. mit der Vereinigung der Indischen Industrie und mit der Bill & Melinda Gates Stiftung einen AgTech Summit 2017 in Vishakapatnam aus. Drei Tage lang wurde dort über innovative Ideen, Techniken und Praxisbeispiele aus den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft debattiert.

Bill Gates hielt eine Rede und bezog sich dabei auch auf einen Saatgut-Park, der in Guntur in Kooperation mit der Universität von IOWA entstehen soll. Bekanntermaßen ist Gates auch ein Befürworter der Gentechnik und tut alles, um dem neuen gentechnischen Verfahren CRISPR den Weg zu bahnen.

Wenig überraschend war daher, dass er auf dem Gipfel in Vishakapatnam sagte, moderne Pflanzenzüchtungstechniken inklusive DNA-Analyse könnten die jährlichen Erträge der Bäuer*innen verdoppeln oder sogar verdreifachen und widerstandsfähigere Sorten schaffen.

 

Rote Karte gegen Gentech und Datenklau notwendig

 

Warum trifft sich Andhra Pradeshs Regierungschef mit Gentechnikbefürwortern wie Bill Gates, wenn doch in seinem ambitionierten Natural Farming-Programm die Gentechnik keinen Platz hat? Saldanha benennt hier eine weitere Ungereimtheit. Und diese erklärt auch seine Sorge bezüglich der Gefahr des Datenklaus. Denn die Regierung will auch Wirkungsstudien zu CRZBNF anfertigen lassen, die nicht nur Daten zur Bodengesundheit und zur Wasserqualität, sondern auch sensible Daten über die lokale Biodiversität zusammentragen werden.

Sind allerdings solche Informationen einmal preisgegeben, können sie nur mühsam wieder eingeklagt werden, wie das Beispiel des 11-jährigen Prozesses um den Neembaum 4) zeigt. Vorkehrungen gegen ein Abgreifen von Daten scheinen aber im Falle des CRZBNF-Programms nicht getroffen worden zu sein, so Saldanha.

 

Bleibt Anlass zu Optimismus?

 

Der Autor schließt mit dem Appell, dass die Chance, die dieses beispiellose Projekt für das Wohl der Kleinbauern, für die Ökologie und für nachfolgende Generationen birgt, nicht vertan werden darf.

Diese Aussage könnte auch aus unserem Mund oder dem unseres Partners Ramanjaneyulu vom CSA kommen, der im Übrigen mit Saldanha die Meinung teilt, dass das Programm von der Zivilgesellschaft kritisch begleitet werden muss. Allerdings sieht er bislang keine Indizien für eine direkte Beteiligung großer Akteure: „Weder die Bill & Melinda-Gates-Stiftung noch ein Agrarunternehmen sind bisher in CRZBNF involviert“.

Ein indirektes Mitmischen der Bill & Melinda Gates-Stiftung bei CRZBNF legt aber eine Aussage des Vize der Farmers Empowerment Corporation RySS, T Vijay Kumar, nahe. Der sagt in einem Interview, die Gates-Stiftung habe dem Forschungskonsortium Digital Green ein Darlehen gewährt. Das ist für Saldanha kein unwesentliches Detail, denn Digital Green entwickelt zusammen mit der Regierung von Andhra Pradesh ein digitales Agrarberatungssystem. Es geht vor allem um Videos, die dann zum Training der Bauern in Zero Budget Farming eingesetzt werden.

Wir wünschen uns sehr, dass Ramanjaneyulu mit seinem Optimismus dem zukunftsweisenden Experiment in Südindien eher gerecht wird als Leo Saldanha, dessen skeptischen Überlegungen wir hier Raum gegeben haben. Wir hoffen auch, dass Ramanjaneyulu gegenüber dem Autor in einem weiteren Punkt recht behält. Für den ist es kein gutes Zeichen, dass die Regierung Andhra Pradeshs sich plötzlich vom erfolgreich praktizierten Modell Community Managed Sustainable Agriculture (CMSA) verabschiedet hat, um ausschließlich auf das Modell Zero Budget Natural Farming zu setzen. Diese Irritation teilt Ramanjaneyulu nicht. „Ich bin optimistisch, dass das Programm schließlich über ZBNF hinauswächst. Erst einmal muss ein organisierter Wandel in solchem Ausmaß geplant und angestoßen werden. Mit dem neuen Wissen, das in seinem Verlauf generiert wird, werden auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Modellen der Öko-Landwirtschaft verschwinden“.

 

 

Anmerkungen:

 

1) CRZBNF ist die regierungsamtliche Version des von Subash Palekar entwickelten „Zero Budget Natural Farming Konzepts“. Gemeint ist eine Öko-Landwirtschaft, die ohne externe Inputs funktioniert, also ohne Dünger und Pestizide. Alle Inputs, die benötig werden um Pflanzen und Saatgut zu schützen, sind in Form von Kuhdung und Kuhurin lokal verfügbar. Allerdings hat sich Subash Palekar inzwischen von dem CRZBNF-Ansatz der Regierung distanziert.

2) Umgesetzt wurden Programme, die dem Ansatz der Community Managed Sustainable Agriculture (CMSA) folgten, die ebenfalls ohne externe Inputs, also ohne Dünger und Pestizide funktioniert.

3) Environment Support Group : A Review of Andhra Pradesh’s Climate Resilient Zero Budget Natural Farming Programme, Oktober 2018. Autor: Leo Saldanha

4) Vandana Shiva hatte einen langjährigen Prozess gegen eine US-Firma geführt und gewonnen, die sich die Gene des als Biopestizid wirksamen Neembaumes patentieren lassen wollte. Das Wissen um die Eigenschaften des Neems hatte das Unternehmen traditionellen Nutzer*innen „geraubt“, daher wurde hier von Biopiraterie gesprochen.

Das von der Regierung Andhra Pradeshs geförderte Ökolandwirtschaftsmodell "Zero Budget Natural Farming"  kommt, wie der Name sagt, komplett ohne externe Inputs aus. Chemische Pestizide, wie sie das abgebildete Aufklärungsplakat der ASW-Partnerorganisation CSA zeigt, sind tabu.

 

 

Das Plakat wirbt für die Hotline, die die ASW-Partnerorganisation "Centre for Sustainable Agriculture", CSA, betreibt. Bäuer*innen erhalten hier bei ihrer Umstellung auf pestizidfreien Anbau wichtige Hilfestellungen.