Indiens Binnenmigrant*innen halten die Ökonomie am Laufen

Indien ist in Bewegung. Aufgrund der Krise der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und infolge von Vertreibung oder Verdrängung von ihrem Land suchen immer mehr Inder*innen aus ländlichen Regionen Arbeit in den Städten oder in boomenden, z.B. rohstoffreichen Gegenden. Die Zahlen aus verschiedenen Erhebungen schwanken zwischen 100 bzw 200 Millionen Binnenmigrant*innen bzw 9 Millionen, die sich jedes Jahr zwischen den Bundesstaaten hin und her bewegen. Weil die Bildung dieser Menschen eher gering ist, stehen ihnen in der Regel nur Tätigkeiten im informellen Sektor, vornehmlich im Bau-, Minen-, Straßenbausektor oder als Hausangestellte offen. Die Familienbande dieser Arbeiter*innen reißen nicht ab: Im Gegenteil sichern ihre Löhne, von denen ein Teil an die Haushalte auf dem Dorf geschickt werden, deren Existenz.

 

Den Beitrag dieser Menschen zum Bruttoinlandsprodukt Indiens hat kürzlich der indische Autor Saurabh Mukherjea gewürdigt. In der Indiatimes vom 15. April 2019 beklagte er, dass die größte Demokratie der Welt diese Menschen und ihre Leistungen ignoriere.

Gerade in den gebildeten Kreisen Indiens, so beginnt der Autor seinen Artikel, gebe es einen verbreiteten Glauben, dass indische Politiker für den Fortschritt Indiens von zentraler Bedeutung sind. Betrachte man aber, was der Staat wirklich tue und was er in Bildung, Gesundheitsfürsorge und Sicherheit der Menschen investiert, ergäbe sich eine triste Bilanz. Im Human Development Index der Vereinten Nationen belege Indien Jahr für Jahr einen der hinteren Plätze – zusammen mit anderen 60 schlecht abschneidenden Ländern.

Im Vergleich dazu ist das, was Indiens Binnenmigrant*innen zum Wirtschaftswachstum beitragen, enorm. Was sie an Geldbeträgen nach Hause überweisen, ist achtmal größer als die Gesundheits- und Bildungsbudgets der indischen Regierung zusammen.

Die größte Migration der Welt

 

Diese Größenordnung erklärt sich aus der Größe dieser Bevölkerungsgruppe. Mit 100 Millionen ist die Gruppe der internen Wanderarbeiter*innen fast viermal größer als die wohlhabendere indische Diaspora, die über die ganze Welt verteilt ist. Diese 100 Millionen stellen auch fast ein Fünftel der in Indien lebenden Arbeitskräfte.

Die indische Binnenmigration der vergangenen 40 Jahre sei damit auch die größte, die die Welt je erlebt habe – und das sowohl in absoluten Zahlen wie auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Sie ist auch größer als die Migration der Menschen, die im 19. Jahrhundert die Vereinigten Staaten schufen.

Aus Sicht Mukherjeas gleichen Indiens Binnenmigranten auch ein regionales Gefälle innerhalb Indiens aus. Die meisten migrieren aus verarmten Regionen in nördlichen und östlichen Bundesstaaten in die etwas wohlhabenderen westlichen und südlichen Bundesstaaten. Dort liege der Mindestlohn bei rund 15.000 Rupien pro Monat.

Großer Beitrag zu Indiens Bruttoinlandsprodukt

 

„Selbst wenn wir davon ausgehen, dass der durchschnittliche Wanderarbeiter zu einem Lohn von Rs 10.000 pro Monat arbeitet (meist in der Schattenwirtschaft und daher in bar bezahlt), beträgt das Gesamteinkommen der internen Wanderarbeiter Indiens rund 170 Milliarden Dollar pro Jahr, d.h. rund 6 Prozent des indischen BIP. Unter der Annahme, dass diese Arbeiter etwa ein Drittel dieser Einkünfte nach Hause schicken, bedeutet dies, dass fast 2 Prozent des indischen BIP von den wohlhabendsten Staaten des Landes in die am wenigsten wohlhabenden Länder transferiert werden.“

Selbst unter vorsichtigen Annahmen wäre somit der Betrag, den Indiens interne Migrant*innen nach Hause schicken, deutlich größer als die Gesundheits- und Bildungsbudgets, die Mukherjea auf 22 Milliarden beziffert. Diese Fakten sind aus Sicht des Autors ein Armutszeugnis für den indischen Staat. Sie zeigen für ihn nicht nur, „wie Regierungen das Land im Stich gelassen haben“, sondern auch, „wie wir als Gesellschaft es versäumen, die aktivsten und unternehmerischsten Menschen in unserem Land zu feiern.“

Unter dem Titel „Recht auf Gehen - Recht auf Bleiben“ veröffentlichen wir in loser Folge Beiträge zu Migration. Unser Schwerpunkt ist dabei die Binnenmigration in unseren Projektländern. Wir zeigen die Normalität von Migration und Mobilität auf, fordern aber auch ein Recht auf Bleiben. Denn die Menschen in unseren Projektregionen gehören gesellschaftlichen Gruppen an, die vom aktuellen Wirtschaftssystem nicht profitieren und oft zur Arbeitsaufnahme an anderen Orten gezwungen sind.
In unserer konkreten Projektarbeit sorgen wir daher für bessere und gerechtere Lebensbedingungen vor Ort.