Kein Schutz der Biodiversität auf Kosten der Rechte indigener Menschen

Macht es Sinn, 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen? Für die Proteste gegen den G7-Gipfel in Elmau hatte ein Bündnis aus Umwelt- und Sozialverbänden Forderungen für soziale Gerechtigkeit und zum Klima- und Biodiversitäts-Schutz formuliert. Darunter war auch die 30 Prozent-Forderung, die im Prozess der Umsetzung der UN-Konvention zum Schutz der Biodiversität (CBD) aktuell eine Zielvorgabe ist.

Einige Organisationen der Zivilgesellschaft, zum Beispiel Robin Wood oder Survival international, sehen das 30 Prozent-Ziel kritisch. Robin Wood befürchtet, dass mit den 30 Prozent eine neue Ära des Landraubs eingeleitet werden könnte. Menschliche Existenzen würden zerstört, wenn Land „plötzlich als Schutzgebiet deklariert, umzäunt und mit Waffengewalt verteidigt“ würde.

Robin Wood formulierte noch einen zweiten Gedanken, der den Ausrichtern des G7-Gipfels noch unbequemer erscheinen dürfte als die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte: „Die Einrichtung von Schutzgebieten nützt dabei häufig vor allem der Wirtschaft, die ihre Kohlenstoffbilanz mit Investitionen in „Naturschutz“ aufbessern will. Damit leisten Unternehmen jedoch einzig einen Beitrag zur Kommodifizierung von Natur und Privatisierung von Umweltschutz und machen mittels Handel von „carbon offsets“, „habitat banks“ oder „wildlife derivatives“ noch Profit. Naturschutz darf aber kein Geschäftsmodell sein!“

 

Keine Einigkeit zwischen globalem Norden und Süden

Ob sich die Vertragsstaaten des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) allerdings überhaupt darauf einigen können, 30 Prozent der Erde bis 2030 in Naturschutzgebiete umzuwandeln, ist derzeit wieder offen. Ende Juni trafen sich Unterhändler aus 150 Ländern in Nairobi, um einen Entwurf für ein Abkommen fertigzustellen, der dann auf dem UN-Gipfel zur biologischen Vielfalt (COP15) im Dezember in Montreal verabschiedet werden soll. Und gerade beim Wie und Was der Einrichtung von Schutzgebieten zeigten sich doch erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen dem globalen Norden und dem Süden.

Wir als ASW werden den Prozess weiter beobachten. Denn für uns kommt es auf die Umsetzung an: Schutzgebiete auf 30 oder sogar 50 Prozent der Erde sind gut, wenn sie nicht auf Ausschluss von Menschen setzen, sondern diese und ihre nachhaltigen Lebensweisen einbeziehen. So sind z.B. die lokalen Waldnutzerinnen, die in Brasiliens Sammelreservaten ResEx (Reserva Extradivista) leben, hervorragende Naturschützerinnen und Bewahrerinnen von Vielfalt. Einen Festungsnaturschutz mit der Vertreibung von Menschen lehnen wir strikt ab.

 

Indigener Naturschutz zum Nutzen aller…..

Wir denken, dass das begrenzte Land unseres Globus im Sinne einer Mehrwertstrategie genutzt werden kann, also so, dass weder die Biodiversität, der Klimaschutz und ansässige Menschen geschädigt werden.
Alle indigenen Nutzungsweisen, die wir von unseren Partnern in Brasiliens Amazonasregion kennen, leisten dies: Sammelwirtschaft bei den Gemeinschaften der Munduruku am Tapajós oder den Guajajara in Maranhao ist Waldschutz, Klimaschutz, Schutz der Vielfalt und der Ernährungssicherung in einem.

 

…..und das Recht indigener Menschen auf Selbstbestimmung

Zudem möchten wir noch daran erinnern, dass die indigenen Völker unseres Globus international anerkannte Rechte haben und diese auch zunehmend selbst einfordern. Sie sind z.B. in der ILO-Konvention Nr. 169 fixiert, die Deutschland im Juni 2021 als sechstes europäisches und 24. Land ratifiziert hat. Zu den dort ausgewiesenen Rechten gehört z.B. die Kontrolle der indigenen Menschen über ihre eigenen Institutionen, Lebensweisen und ihre Entwicklung und ihr Recht, ihre Identitäten, Sprachen und Religionen in den Ländern, in denen sie leben, zu erhalten und zu entwickeln.

Indigene Menschen und traditionelle Waldnutzerinnen weltweit beobachten sehr genau, was die Vertragsparteien des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) derzeit aushandeln. Ende Mai verabschiedeten 247 Vertreterinnen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften des asiatischen Raums anlässlich eines Kongresses der Weltnaturschutzunion (IUCN) die Api Api Deklaration. Dort beziehen sie sich ausdrücklich auf ihr Recht auf Selbstbestimmung und fordern „ein Moratorium für die Ausweisung von Schutzgebieten ohne die Beteiligung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften sowie die Anerkennung unserer Regierungs- und Verwaltungssysteme und unsere freie, vorherige und informierte Zustimmung."

Artikelempfehlung: Wie Nichtregierungsorganisationen aus dem globalen Norden den Naturschutz auf dem afrikanischen Kontinent dominieren, erklärt Aby L. Sène von der Clemson Universität, USA (in Englisch):