Sauberes Gold?

Die verschlungenen Wege des Goldhandels

VON CHRISTOPHE MAILLIET

In unserem letzten Artikel zu Gold und Gerechtigkeit haben wirüber die Folgen des Goldabbaus für die Menschen in den Abbauregionen gesprochen. Klar wurde, dass Menschen dabei in ihren Rechten verletzt werden und auch schwere Umweltschäden eintreten. Ich beschäftige mich im Folgenden mit dem weltweiten Goldmarkt und mit der Frage, wie die Lieferketten des Goldes nach Deutschland organisiert sind. Für mich ist das Thema auch im Rahmen der aktuell laufenden Debatten über die Einhaltung von Menschenrechten in den weltweiten Lieferketten relevant. Wir von der ASW sind Mitglied im Netzwerk CORA, das sich für verbindliche Regelungen von Menschenrechtsstandards und Umweltschutz in den weltweiten Lieferketten einsetzt.

Zahlen und Fakten zum weltweiten Goldmarkt

Bei meinen Recherchen bin ich auf den  World Gold Council (WGC) – der selbst deklarierten „leitenden Marktentwicklungsorganisation für den Goldsektor“ – gestoßen, der vor allem internationale Minengesellschaften angehören. Demnach wurden 2010-2017 im Jahresdurchschnitt ca. 4.307 Tonnen Gold produziert (davon 2.893 Tonnen bzw. 67% durch Bergbau, und 1.413 Tonnen bzw. 33% durch Recycling). Die 3 größten Produzenten von recyceltem Gold sind China, dann kommen Indien und Japan; an achter Stelle kommt Deutschland. Die 3 größten Produzenten von sogenanntem Primärgold sind China, Australien und Russland; an achter Stelle kommt Südafrika, und an zehnter Ghana. Dabei wird generell geschätzt, dass der Anteil des „traditionellen“ Kleinbergbaus zwischen 12 und 30% der Produktion ausmacht, obwohl bis zu 90% der Beschäftigten im Goldabbau in diesem Sektor tätig sind. Es ist anzunehmen, dass weder in China noch in Russland hohe Standards gelten, was den Goldabbau angeht; es dürfte noch weniger der Fall in Peru oder Indonesien sein, die ebenfalls zu den 10 größten Produzenten weltweit gehören.

Nachgefragt wurden im selben Zeitraum ca. 4.282 Tonnen weltweit (im Jahresdurchschnitt). Nach Sektoren nehmen Schmuckhersteller (ca. 52%) sowie Münz- und Barrenhändler (27%) das meiste Gold ab, gefolgt von der Industrie (9%), Zentralbanken (8%) und Investmentfonds (3%). 2017 wurden im Tagesdurchschnitt der Gegenwert von 2.692 Tonnen Gold (entsprechend ca. 112 Mrd US$) gehandelt, ca. zwei Drittel davon über die Goldmärkte in London und Zürich. Die gesamte Menge des bisher weltweit produzierten Goldes repräsentiert übrigens einen Würfel von nur 21 Metern Kantenlänge.

Der WGC schätzt, dass in den nächsten 30 Jahren das Wachstum der Mittelklassen in China und Indien einen starken Einfluss auf die weltweite Goldnachfrage haben wird, und dass die Goldindustrie Schwierigkeiten haben könnte, diese zu bedienen, zumal manche Analysten davon ausgehen, dass der sogenannte „peak gold“ erreicht wurde. Sprich, Produktionssteigerungen sind in Zukunft nicht zu erwarten, sondern eher rückläufige Fördermengen. Gleichzeitig sagt der WGC auch, dass Umweltschutz-, Governance- und soziale Aspekte in Zukunft wichtiger werden, und hat Ende 2019 sogenannte „Responsible Gold Mining  Practices“ veröffentlicht.

Menschenrechtsverletzungen finden trotz Selbstverpflichtungen statt

Trotz aller Beteuerungen und Selbstverpflichtungen der Gold-Industrie ist die Realität in vielen Goldabbau-Regionen aber eine von Gewalt, Umweltzerstörung, Landraub, Ausbeutung und Kriminalität geprägte. Laut dem amerikanischenFBIoperieren nicht nur rücksichtslose internationale Minengesellschaften in diesem Sektor, sondern auch zunehmend Akteure aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität und Drogenkartelle, sowie lokale und internationale terroristische und kriminelle Vereinigungen. Dies ist unter anderem auch der Fall in der Sahel-Region und in Westafrika, das gerade einen „Gold-Boom“ erfährt.Human Rights Watch verweist auf ihrer Website darauf, dass diese Missstände im Zuge der Corona-Pandemie sogar noch gewachsen sind, insbesondere für den traditionellen Kleinbergbau. Einerseits sind die Abnehmer-Preise drastisch gesunken (obwohl der Marktpreis für Gold steigt), und andererseits schwinden Regierungskontrollen aufgrund von Lockdowns und zahlreichen Behinderungen auf den Handelswegen. Dies führt zu einer Zunahme von illegalem Abbau, verstärkter Korruption und Menschenhandel, und gesteigerter Gewalt, bis hin zu Morden und Folter von Bewohner*innen der Bergbauregionen, die sich dagegen wehren.

Laut einer Artikelreihe der Zeitschrift„Jeune Afrique“sind im Senegal (wo die ASW in der Region um Kédougou ein Projekt unseres Partners UNIKS unterstützt, das die Betroffenen des industriellen Goldabbaus und die traditionellen Goldsucher stärkt)) ca. 1% der Bevölkerung vom Goldabbau für ihren Lebensunterhalt abhängig, bei einer Jahresproduktion von ca. 16T. In Burkina Faso (wo unser Partner ODJ sich für die Rechte der Bevölkerung gegenüber den internationalen Minengesellschaften einsetzt) sind ca. 10% der Bevölkerung im Goldabbau beschäftigt, bei einer Jahresproduktion von geschätzten 60 Tonnen. Dabei wird auch geschätzt, dass der Gegenwert von ca. 0,4 Mrd US$ in Gold illegal aus dem Land geschmuggelt wird, unter anderem von bewaffneten Gruppierungen. Sehr viel mehr Menschen in Afrika betätigen sich zumindest gelegentlich in der Gold- und Mineralien-Suche, so dass je nach Land zwischen 5-20% der jeweiligen Bevölkerung in diesem Sektor zumindest teilweise aktiv sind.

Doch wie sieht der Goldmarkt in Deutschland aus?

Laut dem Rohstoffbericht der Bundesregierung 2018stammt der Großteil des 2018 nach Deutschland importierten Goldes aus dem Recycling (ca. 5.440 Tonnen sog. „goldhaltige Abfälle und Schrotte“, mit einem variierenden Goldanteil), gefolgt von Rohmetall und Goldpulver(ca. 94 Tonnen).

Bei Recycling-Gold ist es natürlich schwer nachzuvollziehen, woher das ursprüngliche Rohgold stammte. Wenn es irgendwann mal illegal oder verantwortungslos abgebaut wurde, wird es durch Recycling nicht „sauber“. Beim importierten Rohmetall stammten 2018 wiederum mehr als 50% aus der Schweiz (die laut einesBerichtes des Schweizer Bundesrates von 2018 in den vorangegangenen Jahren bis zu 3080 Tonnen Rohgold jährlich importierte, also etwa den Gegenwert einer Jahresproduktion des internationalen Bergbaus!), sowie weitere ca. 16% aus „vertraulichen Ländern“ (ein Schelm, wer dabei Böses denkt!). In 2017 waren das knapp 25%.

Die Schweiz, als größter Exporteur von Rohgold nach Deutschland, bezieht wiederum ihr Gold zur Hälfte aus Großbritannien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (insb. Dubai), den USA und Hongkong – sprich, über die dortigen Goldmärkte, denn bis auf die USA sind dies keine Produktionsländer. Bereits hier verwischt sich also die Spur zu den Ursprungsländern des Goldes. Die andere Hälfte stammt aus Ländern, die „sehr stark vom Goldexport abhängig sind, darunter Burkina Faso, Ghana und Mali“. Ca. 40% der weltweiten Raffinerie-Kapazitäten befinden sich in der Schweiz, die somit ein zentraler Akteur im weltweiten Goldmarkt ist. Auch wenn einige schweizerische Unternehmen inzwischen „versuchen(..), problematische Bezugsquellen zu meiden“,  findet „problematisches“ Gold weiter Abnehmer bspw. in Dubai, von wo es dann wieder in die Schweiz (und somit wahrscheinlich auch nach Deutschland) gelangt.

Wege zum fairen Gold

Was also tun, wenn man mit reinem Gewissen einen goldenen Ehering überreichen möchte? In einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie von Anfang 2019 zum Goldmarkt in Deutschland (an welcher übrigens weder Industrieverbände noch die großen Schmuckhersteller teilnehmen wollten) werden verschiedene Initiativen und Standards für Goldbezug aus verantwortungsvollem Kleinbergbau genannt, die darauf ausgerichtet sind, den lokalen und traditionellen Bergbauern faire Konditionen zu bieten, und ohne Landraub und Umweltzerstörung zu produzieren. Diese Initiativen werden unter anderem von der „Alliance for Responsible Mining“ („Fairmined Gold“) oder von „Fairtrade International“ („Fairtrade Gold“) getragen, und eine Liste von lizenzierten Fairtrade-Gold und Fairmined-Gold Unternehmen in Deutschland findet sich ebenfalls in diesem Bericht. 

Auch wenn Sie dann etwas tiefer ins Portemonnaie greifen müssen, um solche Produkte zu erwerben, können Sie es in diesem Fall mit der Gewissheit tun, dass an Ihrem Gold kein Quecksilber, Blut oder der Schweiß von Opfern von Menschenhandel klebt.

Das Thema Gold beschäftigt die Menschheit seit langen Zeiten. Schon der römische Dichter Tibull (um 50 bis 17 v.Chr.)) hat die Schattenseiten des Goldes gekannt:  „Oft pflegen im Gold viele Übel zu stecken.“
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