Kollapsologie – Letzter Weckruf oder Panikmache?

 

Relativ unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit hat sich eine Diskussion rund um den Ansatz der „Kollapsologie“ entwickelt, der es u.a. in Frankreich bis in die großen Tageszeitungen geschafft hat. Er hat das Potential, den umweltpolitischen Debatten noch mehr Dringlichkeit zu verschaffen. Die bekanntesten Vertreter:innen haben inzwischen viel publiziert und dadurch eine kleine „Fangemeinde“ aufgebaut, die – ganz im Ernst – die Welt auf das nahe Ende der industriellen Zivilisation vorbereiten will, basierend auf Erkenntnissen aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen.
Man wird unweigerlich an die sogenannten „Prepper“ erinnert, die vorwiegend in den USA mehr oder weniger zur Folklore gehören und schwer bewaffnet und in bis zum Rand mit Lebensmitteln und Munition gefüllten Bunkern dem kommenden Kollaps harren. Aber der Ansatz der sogenannten Kollapsolog:innen ist erkennbar ein anderer. Deshalb wäre es zu leicht diese Thematik süffisant beiseite zu wischen, um sich vermeintlich pragmatischeren Ansätzen zu widmen.

Es geht um mehr als Klimawandel

Was ist denn ein Kollaps? Die Definition, die von den Begründern der Kollapsologie Pablo Servigne und Raphaël Stevens („Comment tout peut s’effondrer“, Paris 2015) vorgeschlagen wird, lautet: „Es geht nicht um das Ende der Welt und auch nicht um die Apokalypse. Der Kollaps ist auch nicht eine einfache Krise (…) oder eine punktuelle Katastrophe (...). Ein Kollaps ist ein Prozess, an dessen Ende grundlegende Bedürfnisse (Wasser, Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Energie, etc.) einer Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr (für einen vernünftigen Preis) von gesetzlich geregelten Anbietern gedeckt werden.“

Die Kollapsologie will nicht nur einen ungeschönten Blick auf den wahren Zustand des Planeten erreichen, sondern auch eine systemische Analyse der wirtschaftlichen und biophysischen Situation desselben ermöglichen. Es geht darum, zu begründen, warum das Ende „dieser Welt“ vielleicht näher ist, als bislang gedacht. Es wird aufgezeigt, wie dieser Zusammenbruch zustande kommen und aussehen könnte, und was er für die Menschheit in psychologischer, sozialer und politischer Hinsicht bedeuten würde. Es geht also um einen systemtheoretischen, transdisziplinären Ansatz, der scheinbar isolierte Phänomene miteinander in Beziehung setzt, und so eine Gesamtdiagnose des Planeten und der industriellen Zivilisation anstrebt.

In diesem Zusammenhang stellen genannte Autoren fest, dass öffentliche Diskussionen über diese Thematik oftmals starke Emotionen bei den Anwesenden auslösen. Denn naturgemäß haben diejenigen, die am meisten zu verlieren haben – im reichen globalen Norden – das größte Interesse daran, dass sich möglichst nichts ändert. Andererseits haben sie auch die größte Furcht davor, quasi „von heute auf morgen“ in ähnlichen Verhältnissen zu leben wie diese bereits in ärmeren Ländern herrschen. Es erscheint vielen Menschen undenkbar, sich noch zu Lebzeiten in einer Welt des Mangels, der unsicheren Zukunft und der gesundheitlichen Gefahren wiederzufinden, und doch ist dies inzwischen eine durchaus denkbare Aussicht.

Die menschliche Auffassungsgabe ist überfordert

Die schiere Dimension des Problems und die scheinbare Ausweglosigkeit der Lage in Bezug auf den Klimawandel und seine Folgen wurden vom englischen Philosophen Timothy Morton mit dem Konzept des „Hyperobjektes“ umrissen.1
Dieses besagt, dass der Klimawandel omnipräsent ist, aber dennoch nicht an isolierten Phänomenen festgemacht werden kann; dass er „nicht-lokal“ ist und seine Auswirkungen sowohl global sind als auch sich über eine lange Zeit erstrecken. Darum können wir nur bestimmte Phasen davon erfassen. Weiterhin ist der Klimawandel „inter-objektiv“, sprich, er besteht aus einer Vielzahl von Phänomenen, ist aber mehr als die Summe davon. Das Erfassen von „Hyper-Objekten“ wie den Klimawandel erfordert also „hoch-dimensionales“ Denken – die Fähigkeit, einen Raum zu denken, der alle möglichen Phasen eines Systems erfasst. Hier stößt das menschliche Denken tatsächlich an seine Grenzen.  

Aspekte der Kollapsologie: Alle Alarmzeichen auf Rot?

Die grundsätzliche Feststellung der Kollapsolog:innen ist, dass wir in entscheidenden Bereichen seit ca. 1950 in einer „Welt der exponentiellen Wachstums- bzw. Verbrauchskurven“ leben, die aber selten zu einander in Beziehung gesetzt, und auch oftmals in ihrer wahren Dimension nicht erfasst werden. Im sozio-ökonomischen Bereich betrifft dies u.a. das Bruttosozialprodukt, aber auch Bevölkerungswachstum, Auslandsinvestitionen, Energieverbrauch, Düngemitteleinsatz, Urbanisierung, Wasserverbrauch, Papierverbrauch, Produktion von Kraftfahrzeugen, Telefonen und Computern, internationaler Tourismus, etc.
Im biologisch-planetaren Bereich betrifft dies u.a. die Kohlenstoffmonoxid-, Dickstoffmonoxid-, Methan- und Ozon-Konzentration in der Atmosphäre, den Anstieg der Temperaturen, die Versauerung der Meere, den Fischfang, die Bebauung und Zerstörung der Küstenbereiche, den Rückgang der Biodiversität, den Waldverlust, die Ausweitung von wirtschaftlichen Nutzflächen und die Beschädigung der Biosphäre. Dieses „Überhitzen“ des planetaren Systems wurde möglich dank der scheinbar unbegrenzten Verfügbarkeit von billiger Energie, die es manchen Ländern erlaubte, den Lebensstandard ihrer Einwohner:innen rapide zu verbessern, während nach wie vor ein Großteil der Menschheit in unwürdigen und prekären Bedingungen leben mussten.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich mehr denn je die  Frage nach den Grenzen dieses exponentiellen Wachstums. Hier muss man unterscheiden zwischen Grenzen, die physisch nicht überwunden werden können (es gibt beispielsweise nur eine endliche Menge an Kohle, Erdöl oder bestimmten Mineralien) und bestimmten Schwellen, die zwar überwunden werden können, aber jenseits derer Systeme destabilisiert oder gar zerstört werden, die für das Leben notwendig sind – wie beispielsweise das Klima, Ökosysteme, der Süßwasser-Wasserkreislauf, etc.

Vier von neun planetaren Grenzen sind schon überschritten

Kollapsolog:innen stellen fest, dass das exponentielle Wachstum der letzten Jahrzehnte dazu geführt hat, dass bereits mehrere „Schwellen“ gleichzeitig (insbesondere im Bereich der planetaren Systeme) überschritten wurden und dass wir zunehmend an unüberwindbare Grenzen stoßen. Dies ist besonders im Bereich der fossilen Energien der Fall, deren Gewinnung einen immer größeren Aufwand erfordert, aber auch im Bereich von wichtigen Mineralien und Metallen. Wir nähern uns rasant dem „peak everything“, der den Einbruch des wirtschaftlichen Wachstums und somit auch des Finanzsystems nach sich ziehen würde, denn insbesondere der Energie- und der Finanzsektor sind eng miteinander verknüpft.

Laut eines Artikels von 2009 im Magazin „Nature“ gibt es insgesamt neun Bereiche, in denen bestimmte Grenzen auf keinen Fall überschritten werden dürfen, da sonst das Überleben der Menschheit gefährdet ist: der Klimawandel, die Integrität der Biosphäre, der Versauerungsgrad der Meere, der Rückgang des atmosphärischen Ozons, die Phosphor- und Stickstoff-Zyklen, die Belastung durch Aerosole, der Süßwasserverbrauch, die wirtschaftliche Nutzung der Böden und die chemische Verschmutzung. Sieben dieser Grenzen wurden bisher quantifiziert, wobei vier nachweislich überschritten wurden. Kurzum, es ist bereits in vielen Bereichen NACH zwölf.

Wann und wo kippt der erste Dominostein?

Das Fatale an dieser Entwicklung ist, dass diese „Subsysteme“ alle miteinander verknüpft sind. Sollte beispielsweise das Klima „kippen“, hätte dies unkontrollierbare und unvorhersehbare Konsequenzen auf die Biodiversität, bestimmte natürliche Zyklen, die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit etc. Es ist wie ein riesiges Domino-Spiel, dass aber nicht in seiner Gesamtheit zu erfassen ist. Es ist auch praktisch unmöglich, die „Kipppunkte“ zu definieren, zumal Veränderungen oftmals nicht graduell sind, sondern – wie beim Umstellen eines Schalters – Zustände sich praktisch von einem Punkt zum nächsten radikal ändern können, beispielsweise beim Kollabieren von Fischgründen oder Dürren, chemischen Belastungen etc. Es gibt also eine Vielzahl von „tipping points“ für die jeweiligen kritischen Bereiche, die sich gegenseitig auch noch beeinflussen können.

Die unkontrollierte Ausbeutung des Planeten durch den Menschen (der Einfachheit halber als „Klimawandel“ bezeichnet) ist also eine extrem komplexe Erscheinung, und als „Hyperobjekt“ nicht in allen Dimensionen mit Präzision zu erfassen. Aus diesem Grund wagen auch Kollapsolog:innen ganz bewusst keine Prognosen darüber, wann und wo der „entscheidende Dominostein“ fallen wird, und betonen, dass wir uns in dieser Hinsicht auf „begründete Intuitionen“ verlassen müssen. Sie sind sich aber einig, dass eine verheerende Verkettung von katastrophalen Ereignissen womöglich schon in wenigen Jahrzehnten erfolgen könnte.

 

Dies hat wiederum zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, die hier ein „unwissenschaftliches Vorgehen“ am Werk sehen, weshalb auch die Kollapsologie insgesamt nicht ernst genommen werden könne.

Ein weiterer Kritikpunkt, der häufig geäußert wird, ist, dass Kollapsolog:innen auch betonen, dass es notwendig sei, sich mit den emotionalen und psychologischen Auswirkungen eines drohenden Kollapses zu befassen. Interessant ist hier der historische Rückblick, denn in der Geschichte der Menschheit sind bereits zahlreiche mächtige Zivilisationen erblüht und dann wieder erloschen. Diese Kollapse hatten gravierende demographische, soziologische, psychologische, kulturelle und politische Auswirkungen, waren aber nie das Ende DER Welt, sondern „nur“ das Ende EINER Welt. Aus dieser Erkenntnis heraus betonen Kollapsolog:innen, dass die spirituelle Dimension eines solchen katastrophalen Wandels nicht außen vor gelassen werden sollte, wenn es darum geht, dessen Folgen zu bewältigen.

Instabile „nicht-lineare“ Zukunft?

Ist der Kollaps wirklich unvermeidlich? Ist es nicht möglich, durch technologische Innovationen in einem „grünen Kapitalismus“, die schlimmsten Auswirkungen abzumildern oder gar noch zu verhindern? Servigne und Stevens verweisen hier auf sog. „sozio-technologische Sperren“, die letzten Endes wahre Innovationen oftmals verhindern. Denn technologische Entwicklungspfade (bspw. im Bereich Landwirtschaft, Mobilität, Energie etc.) sind durch vergangene Weichenstellungen auf unterschiedlichen Ebenen derart vorstrukturiert, dass technologische Neuerungen oftmals nur versuchen, die Probleme vorangegangener Technologien zu lösen. Wirklich neue Technologien können sich kaum behaupten. Das System ist praktisch auf Autopilot. Allerdings ist niemand wirklich willens oder in der Lage, den Autopiloten auszuschalten, da nicht absehbar ist, ob eine sanfte Landung noch möglich ist.

Das große Paradoxon unseres heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell ist demnach, dass es umso fragiler wird, je mehr es alles erfasst, dominiert und ausbeutet. Das Fazit der Kollapsolog:innen hat es in sich, denn es besteht aus ihrer Sicht Sicherheit darüber, dass: a) das physische Wachstum unserer Gesellschaften in naher Zukunft enden wird und wir bald die planetaren Grenzen erreicht haben werden; b) wir das „System Erde“ bereits auf irreversible Weise verändert haben, mit potentiell gravierenden Auswirkungen beispielsweise auf die Ernährung oder die Wirtschaft; c) wir auf eine instabile, „nicht-lineare“ Zukunft zusteuern, in welcher große Krisen die Norm sein werden, und d) wir bereits jetzt der Gefahr von globalen, systemischen Zusammenbrüchen ausgesetzt sind, die aufgrund der zunehmenden Komplexität und Verbundenheit der jeweiligen Systeme nicht zu beherrschen sein werden.

Die Lösung kann nicht vom Problemverursacher „Wachstum“ kommen

Aus diesen Gründen könnte die Katastrophe bald der „Normalzustand“ sein und nicht einfach eine weitere „Krise“, aus der der Kapitalismus vermeintlich gestärkt wieder Fahrt aufnehmen wird. Es sei deshalb ein fataler Trugschluss zu glauben, dass wirtschaftliches Wachstum (und technologischer Fortschritt) die Lösung der kommenden Probleme sein wird. Denn dies setzt einerseits voraus, dass Wachstum auf ewig möglich ist und hat andererseits auch zur Folge, dass eine effektive Politik zur Umsetzung des einzig wirksamen Mittels auf Dauer keine Chance haben wird: die radikale und schnelle Reduzierung des Verbrauchs von fossilen Energien, auf welchem unser wirtschaftliches Modell basiert.

Kollapsolog:innen haben sich zunächst größtenteils darauf beschränkt, die Dimension des Problems zu beschreiben, um einen Bewusstseinswandel zu erreichen. Denn erst wenn man die Möglichkeit des Kollapses überhaupt zulässt und erkennt, dass es keine echten „Lösungen“ mehr gibt, können Strategien entwickelt werden, damit umzugehen. Es geht ihnen deshalb auch um eine „Normalisierung der kommenden Katastrophen“, die den Alltag der Menschen in Zukunft bestimmen könnten und um die Überwindung der psychologischen Barrieren, die eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik bisher verhindert haben.

Natürlich werden von ihnen Modelle diskutiert, die auf Konzepte von „degrowth“, „Transition-Ökonomien“ und eine Relokalisierung der Wirtschaft basieren, um zumindest die schlimmsten Folgen des kommenden Kollapses abzumildern. 2

Es gibt aber definitiv noch viel zu tun, um solche Alternativen überhaupt diskussions- und irgendwann auch mehrheitsfähig zu machen. Deshalb ist es durchaus ein Verdienst der Kollapsologie, sich mit der „transdisziplinären Erforschung des Kollapses unserer industriellen Zivilisation, und dessen, was ihr folgen könnte“ zu befassen, und die Alarmglocken läuten zu lassen, bevor die Menschheit von den Ereignissen eingeholt wird.

Von Christophe Mailliet

Anmerkungen:

1 Für eine kurze Einführung, siehe: Timothy Morton, „Introducing the idea of ‚hyperobjects“, High Country News Nr. 47, 2015
2 Die Idee einer „Gleichgewichtswirtschaft“ bzw einer „regenerativen und distributiven Ökonomie“, wie sie von Ökonom:innen wie Kate Raworth („Die Donut-Ökonomie“, London 2017) vorgestellt wurde, ist auch ein möglicher Ansatz, der sowohl die planetaren Grenzen bzw. die sog „ökologische Decke“ anerkennt, als auch das gesellschaftliche Fundament und die Bedürfnisse der Menschen im Blick hat.