Goldene Zeiten, arme Menschen

Der westafrikanische Grünsteingürtel gilt als eines der zukunftsträchtigsten Abbaugebiete für Gold. Er zieht sich vom äußersten Südosten Senegals über Mali, Ghana, die Elfenbeinküste bis nach Burkina Faso. Die Coronakrise hat den Goldpreis weltweit in Rekordhöhen getrieben - für die Besitzenden sind Goldreserven in Krisenzeiten eine sehr beliebte Anlageform. Aber wie sieht es in den Abbauregionen aus? Profitieren auch die Besitzlosen vom Wertanstieg des Goldes auf den Weltmärkten? Unser Afrika-Referent Boubacar Diop hat die Goldregion Kédougou in seinem Heimatland Senegal besucht.

Kedougou liegt mehr als eine sehr lange Tagesreise von der senegalesischen Hauptstadt Dakar entfernt. Die Fahrt führt durch die ehemaligen Erdnussanbaugebiete über Tambacounda und durch den Niokolo Nationalpark in die abgelegene Provinz im Grenzgebiet zu Mali und Guinea. Am späten Abend wird Boubacar Diop von Nestor Bianquinch begrüßt, der hier vor einigen Jahren die lokale Nichtregierungsorganisation UNIKS gegründet hat. Die „Union der Solidarischen Initiativen in Kedougou“ setzt sich für bessere Zukunftsaussichten besonders für Jugendliche, Frauen und benachteiligte gesellschaftliche Gruppen in der abgelegenen Region ein.

Senegals Goldboom in Kédougou

„Aus Kédougou stammt der allergrößte Teil der 3,9 Tonnen Gold, die jährlich im Senegal abgebaut werden. 98% der Goldwaschanlagen des Landes befinden sich hier. In den letzten 15 Jahren hat es einen regelrechten Goldrausch gegeben“, erklärt Nestor Bianquinch. Das handwerkliche Goldwaschen ist dabei eine Tätigkeit, die in der Region seit mehreren Jahrhunderten mit traditionellen Mitteln des Abbaus existiert. Die zumeist geringen Erträge sind eine gute Ergänzung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, von der ein Großteil der ländlichen Bevölkerung bis heute lebt.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends, als die Goldpreise auf dem Weltmarkt anstiegen, hat sich die Bergbauindustrie in der Region vervielfacht. Der Staat verteilt Bergbaugenehmigungen über Tausende von Quadratkilometern, in Gebieten, die manchmal sogar Dörfer umfassen. Internationale Bergbauunternehmen siedeln sich an und beginnen, die Goldvorkommen industriell auszubeuten.

Magnet für Arbeitsmigranten

Kédougou ist so zu der Region Senegals geworden, die die meisten Arbeitsmigrant*innen anzieht. Sie kommen aus Burkina Faso, Mali, Guinea Conakry, Guinea Bissau, Nigeria oder von weiter her. 60% der Arbeitskräfte im Goldwaschsektor Kédougous sind Zugezogene. Manche kommen für einige Wochen, andere für Jahre. Dörfer, die hauptsächlich von Migrant*innen bewohnt werden, sind entstanden. Viele von ihnen bringen bereits Erfahrungen im Goldabbau mit. So haben sie einen Vorteil bei der Vergabe von Arbeitsplätzen in den industriellen Minen, die inzwischen in der Region produzieren. Doch ihre Erfahrungen können auch in den kleinen handwerklichen Minen von Vorteil für alle sein.

Bei den handwerklichen Goldsuchern

Am nächsten Morgen brechen Boubacar Diop und Nestor Bianquinch zum Goldsucherdorf Bantaco, 35 km von der Stadt Kédougou entfernt, auf. Die ersten 15 km bis zum Dorf sind mit dem Auto befahrbar, aber der Rest der Straße ist eine sehr raue Piste. Das Dorf ist während des Winters praktisch unzugänglich. Aus diesem Grund sind Motorräder das bevorzugte Transportmittel.

In Bantaco angekommen ist zunächst ein Besuch beim Dorfchef erforderlich. Aus dem beschaulichen Dorf ist inzwischen eine quirlige Kleinstadt geworden. Menschen aus 11 Nationen haben sich hier angesiedelt, um ihr Glück zu finden. Ein „Guide“, begleitet den Besuch der nahegelegenen Goldwaschanlage. Es sind inzwischen über 40 Grad, die Luft ist stickig und schwer. Ein ohrenbetäubender Lärm kommt von einer Maschine, die Kieselsteine zerkleinert. Diese stammen aus einem 30 Meter tiefen Loch, welches notdürftig mit Palmwedeldächern vor Sonne und direktem Regen geschützt sind. Eine Handwinde oberhalb des Lochs wird von zwei Arbeitern betätigt, während sich ein dritter Mann an einem Seil in den schmalen Schacht hinunterlässt. Über die Winde wird der gewonnene Erbaushub nach oben befördert. Dort stehen Frauen und Kinder bereit, die für die Reinigung und Zerkleinerung der Erd- und Gesteinsmasse verantwortlich sind, immer von der Hoffnung getrieben, vielleicht eine kleine Spur von Gold darin zu entdecken.

Die Kinderarbeit, offiziell im Senegal durch Arbeitsgesetze formell verboten, ist in dieser traditionellen Mine genauso normal wie das Fehlen von grundlegendem Arbeitsschutz. So kommt es auch immer wieder zu schwerwiegenden Unfällen, wenn schlecht gesichert Schächte einstürzen. Erst vor kurzem sind drei Minenarbeiter auf diese Weise ums Leben gekommen, berichtet der Guide.  Auf der Suche nach dem großen Glück riskieren viele Goldschürfer ihre Gesundheit und ihr Leben.

„Viele der Migrant*innen müssen sich verschulden, um überhaupt mit dem Schürfen anfangen zu können und die lange Zeit bis zum ersten Fund zu überstehen. Die Glücklichen, die fündig werden verkaufen ihr Gold dann in zähen Verhandlungen an Zwischenhändler. Manchmal werden gerade die Neulinge dabei völlig benachteiligt“, erklärt Nestor Bianquinch die Situation. Doch wer auf eine gute Ader stößt, hat schnell ein Vielfaches von dem verdient, was die Landwirtschaft in harter Arbeit abwirft. Zahlen und Statistiken dazu gibt es natürlich nicht in dieser halblegalen Arbeitswelt der handwerklichen Minen.

Kaum Arbeitsplätze durch industrielle Goldminen ….

Während die zahlreichen Arbeitsmigrant*innen in den Goldminen noch vom individuellen Glück träumen dürfen, haben sich für die ansässige Bevölkerung viele neue Probleme durch den Goldrausch aufgetan. Für die einheimischen Jugendlichen, für traditionelle Gemeinschaften, Kleinbäuer*innen und Frauen sind kaum neue Zukunftsperspektiven entstanden. „Die Armutsquote in Kedougou liegt bei 71% - und damit gravierend höher als der Landesdurchschnitt von 46%. In manchen Ortschaften, z.B. in Salemata haben wir über 40% Arbeitslose“, erläutert Nestor Bianquinch. „Die Unzufriedenheit besonders bei den jungen Menschen wächst und es ist schon zu zwei gewaltförmigen Auseinandersetzungen gekommen.“

Mit den neuen industriellen Goldminen sind kaum Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung entstanden. Die großzügigen Abbaukonzessionen haben aber dazu geführt, dass Land für den kleinbäuerlichen Anbau verloren gegangen ist. Auch der Zugang zu traditionellen Schürfgebieten wird durch die Landverteilung an Konzerne erschwert. „Gleichzeitig wollen viele Menschen aus der Region die durch den Klimawandel immer schwierigere Landwirtschaft verlassen und ihr Glück im Goldabbau finden“, weiß Boubacar Diop.

… aber schwere Folgen für die Gesundheit

Weitere Probleme entstehen durch die zunehmende Prostitution am Rande der Minendörfer und durch die Kinderarbeit. Die schnellwachsende Ausbeutung der Goldfundstellen führt auch zum vermehrten und unkontrollierten Einsatz giftiger Chemikalien in den kleinen Minen, insbesondere von Quecksilber. Schwere Gefährdungen der Boden- und Wasserqualität und der Gesundheit der Anwohner*innen sind die Folge. Der ungeregelte Zuzug von Arbeitsmigrant*innen bedingt auch die Abholzung ganzer Waldgebiete - dort entstehen dann die Siedlungen der Zugezogenen.

„Insgesamt sind die staatlichen Institutionen nicht bereit oder in der Lage, die Probleme mit dem Goldabbau zu regeln, weder ökologisch noch sozial. Es fehlt an einer guten Integrationspolitik für die zahlreichen Wanderarbeiter*innen. Von den Gewinnen aus dem Bergbau kommt hier nichts an. Dabei würden schon 3 oder 4% der Einnahmen reichen, um die grundlegenden Probleme der Region zu lösen. So bleiben die Probleme auf den Schultern der ohnehin schon benachteiligten gesellschaftlichen Schichten unserer Region“, fasst Nestor Bianquinch die Situation zusammen.

Die Alternative: Partizipation der lokalen Bevölkerung

Seine Gruppe UNIKS versucht Antworten und Lösungen für die Menschen der Region zu finden. So wird der Diskurs gesucht, Aufklärung betrieben und alternativ nach Einkommensmöglichkeiten besonders für Frauen und Jugendliche gesucht. Ein weiterer Schlüssel ist es, den Zugang zu Bildung für diese Gruppen zu erhöhen und sie gezielt darauf vorzubereiten, Einfluss in den staatlichen Gremien zu nehmen.

Auch Boubacar Diop kommt am Ende seines Besuches in Kedougou zur einer ähnlichen Schlussfolgerung: „Aus den Erfahrungen anderer Goldabbaugebiete Afrikas wurde nur sehr wenig gelernt. Wenn der politische Wille da ist, lässt sich die durch Beteiligung der einheimischen Bevölkerung mit den Goldreserven eine regionale Entwicklung positiv vorantreiben. Kedougou steht symbolisch für ganz Westafrika: Die internationalen Konzerne führen 10% ihrer Gewinne an die Zentralregierung ab, für die Menschen hier vor Ort bleibt häufig gar nichts.  So wie es hier läuft, entstehen viele unnütze Konflikte. Es ist schon etwas paradox, wenn die Jugendlichen in einer eigentlich reichen Region darüber nachdenken, nach Europa zu migrieren, weil sie durch fehlende Partizipation keine Zukunftsaussichten für sich sehen.“

Boubacar Diop/Tobias Zollenkopf