Muslimische Frauen in einem Bildungs-Projekt in Bihar

Muslimische Mädchen: Über Bildung zu mehr Selbstbestimmung

INDIEN

Bihar gehört zu den ärmeren indischen Bundesstaaten und ist bei der Alphabetisierung* der Bevölkerung zusammen mit Andhra Pradesh und Rajastan Schlusslicht. Auffällig hoch ist die Zahl der Frauen, die nicht lesen und schreiben können: Ihre Alphabetisierungsrate liegt mit 60,5 % fast 20 Prozentpunkte unter der der Männer Bihars (79,7 Prozent; Männer Indien: 84,7). In einer Gegend, in der die weibliche Alphabetisierung sogar unter 40 Prozent liegt, hat sich die ASW Partnerorganisation LOK MADHYAM der Bildung von vorwiegend muslimischen Mädchen verschrieben.

In den Gemeinschaften des Projektgebietes mit seinem hohen Anteil muslimischer Bevölkerung hat die Bildung und Ausbildung der Töchter eine geringe Priorität. Viele sehr arme Familien nehmen die Töchter früh von der Schule oder schulen sie gar nicht erst ein, um sie bis zur Verheiratung in ihrer Obhut zu behalten und sie im Haushalt oder bei der Betreuung jüngerer Geschwister auszubilden. Oft werden die Mädchen auch – gesetzeswidrig - sehr früh verheiratet, als Hausangestellte in die Städte vermittelt oder sie gelangen gar in die Fänge von Menschenhändlern.

 

Bildung  als Schlüssel zu Selbstbestimmung

LOK MADHYAM ist überzeugt, dass junge Frauen vor allem über den Schulbesuch und über Bildung zu einem selbstbestimmteren Leben finden können. Das Programm zur Stärkung muslimischer Mädchen beginnt daher mit Überzeugungsarbeit. Die Familien müssen ein Bewusstsein für den Wert der Bildung der Töchter erlangen. Alle drei Monate wird daher auf Dorfebene ein Treffen aller Mütter organisiert. Um die Eltern nicht aus dem Auge zu verlieren, werden sie Seite an Seite mit den Mädchen in die Organisierung von Festen einbezogen. Möglichst viele werden auch für die Mitarbeit in School Management Committees geworben. Über die für sie neuen Themen findet auch bei den Müttern ein Bewusstseinswandel statt.

Das Bildungsprogramm, das sich an die Mädchen richtet, ist ganzheitlich angelegt. Es beinhaltet Schulvorbereitung, technische und künstlerische Trainings, Workshops zu Ernährungsfragen, Hygiene und Gesundheit sowie die Entwicklung von Kompetenzen zu mehr Selbstbestimmung. In Mädchengruppen haben die Heranwachsenden die Möglichkeit, sich über ihre Probleme und ihre Ziele auszutauschen.

Für die jüngeren Frauen gibt es auch Angebote zur Schaffung eigenen Einkommens und berufliche Fortbildungen.
 

Aufklärung gegen Frühverheiratungen und Menschenhandel

Um die ganze Dorfgemeinschaft für die Probleme arrangierter Ehen zu sensibilisieren, werden alle 6 Monate die örtlichen „Honoratioren“ und die Eltern zu einer Versammlung zusammengebracht. LOK MADHYAM diskutiert hier mit den Anwesenden auch die gesundheitlichen und psychischen Folgen von frühen Ehen auf die Entwicklung der Mädchen.

LOK MADHYAM klärt dabei auch über die Gefahren der Migration auf, die für viele heranwachsende Frauen, die der Armut und der sozialen Kontrolle in den Dörfern entkommen wollen, eine Versuchung ist.
So können sich nach und nach immer mehr Mädchen und junge Frauen mit oder notfalls auch ohne Zustimmung ihrer Familien für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden und, begleitet von LOK MADHYAM, die dafür notwendigen Schritte tun.

*Alle Zahlen aus einer Studie des indischen National Statistical Office Juli 2017 bis Juni 2018, veröffentlicht im August 2020. Der jüngste indische Census von 2021 ist noch nicht erschienen, der letzte wurde 2011 veröffentlicht.