Der indische Umweltaktivist Sunderlal Bahuguna ist tot

Ein Rückblick auf eine ungewöhnliche Zusammenarbeit

Am 21. Mai ist Sunderlal Bahuguna an Covid-19 verstorben. Zusammen mit seiner Frau Vimla hatte er die Chipko-Bewegung mitgegründet und auf vielfältige Weise unterstützt.
Seit den 1970er Jahren fand sie mit ihrem zumeist von Frauen getragenen Protest gegen die Waldzerstörung im Himalaya-Vorgebiet Nordindiens und besonders mit ihren „Baumumarmungen“ ein großes Echo. 1987 erhielt sie für ihr Engagement den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award).
Die ASW arbeitete seit 1983 mit der Chipko-Bewegung zusammen und empfing von Sunderlal Bahuguna und seinen Mitstreiterinnen viele Anregungen für die eigene Arbeit und Impulse für internationale Vernetzungen. Dafür und für seinen lebenslangen Einsatz für andere Menschen und für die Natur sind wir diesem ungewöhnlichen Menschen noch immer dankbar.

Im Folgenden blickt unsere ehemalige Mitarbeiterin Reinhild Schepers, zwischen 1979 und 1994 Kapverden-Referentin, Redakteurin und Initiatorin des Arbeitsschwerpunktes Umwelt der ASW, auf das Lebenswerk Bahugunas und auf die Zusammenarbeit mit ihm zurück. 

Sunderlal Bahuguna und die ASW

Anfang der achtziger Jahre kamen wir erstmals in Kontakt mit Sunderlal Bahuguna, Journalist und Umweltaktivist aus dem Bundesstaat Uttarakhand (2000 von Uttar Pradesh abgespalten). Unter dem Dach der Chipko-Bewegung protestierten er und viele Dorfbewohnerinnen im Himalaya-Vorgebirge seit den siebziger Jahren gewaltfrei gegen den kommerziellen, großflächigen Holzeinschlag. Bevor die Holzfäller anrückten, umarmten sie die großen Bäume an erosionsgefährdeten Berghängen. Auf einer Fußwanderung quer durch den indischen Teil des Himalayas trug Bahuguna ihre Botschaft von Dorf zu Dorf, er bezeichnete sich als „Bote der Bewegung“.

Die Chipko-Aktionen waren verknüpft mit dem Slogan, der die wichtigsten ökologischen Funktionen von Wäldern benennt: Erde, Wasser, reine Luft; es sind die Grundlagen unseres Lebens. Und Bahuguna ergänzte: „Ökologie ist dauerhafte Ökonomie“. Heute würde dieser konsequente Ansatz zum Gegensteuern mit Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Ressourcen schonende Kreislaufwirtschaft“ gekennzeichnet werden. Bahuguna und seine Mitstreiterinnen richteten Informationszentren ein, organisierten Infokampagnen und Aufforstungsaktionen oder berieten in den Bergdörfern zu energiesparenden Projekten.
 


Waldschutz ist dauerhafte Ökonomie

Als der damalige Indienreferent Bernd Scheel Bahuguna fragte, wie wir die Chipko-Bewegung unterstützen könnten, bat er uns, im eigenen Land über die Umweltprobleme durch die industrielle Übernutzung der Wälder und über die Hintergründe der weltweiten Zerstörungen zu informieren. Für ihre Aktionen im Wald baten sie nur um Schlafsäcke, Taschenlampen und andere kleine Dinge.
 

Gemeinsam mit der Journalistin Ludmilla Tüting, die sich für einen umweltfreundlichen Tourismus in Nepal/Himalaya engagierte, hat ASW zunächst 1983 eine Broschüre über die Chipko-Bewegung herausgegeben. Dafür wurde Infomaterial des Chipko Zentrums in Tehri-Garwal übersetzt, das Bahuguna der ASW mitgebracht hatte. Später folgte das Buch „Kahlschlag im Himalaya. Menschen, Bäume, Erosionen“. Inzwischen hatte die Bewegung u.a. erreicht, dass das Fällen von Bäumen an steilen Berghängen ab einer Höhe von 1.000 Metern untersagt wurde. Sie erhielt 1987 für ihr langjähriges Engagement den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award).

 

Vernetzung indischer und europäischer Umweltbewegungen

Im Herbst 1984 machte Bahuguna auf einer Europatour in Berlin Station, um sich mit uns und Umweltgruppen über das ‚Waldsterben‘ zu informieren. Vorher nahm er an einem Sternmarsch zum ‚Rütli“ in der Schweiz für den Schutz des Waldes teil, setzte sich in München und Wien für eine internationale Vernetzung von Umweltorganisationen ein. Er ging davon aus, dass das Problem des ‚sauren Regens’ aus Industrie- und Verkehrsemissionen sich in absehbarer Zeit auch in Indien und anderen Ländern verstärken würde. Sein Ziel war es, „soziale Aktivist*innen“ mit kritischen, „humanitären“ Wissenschaftler*innen und engagierten Schriftsteller*innen und Journalisten zusammenzubringen.

 

Von Bahuguna inspirierte Waldschutzseminare in den Alpen

1986 auf dem ersten Deutschen Umwelttag, organisiert von der auch hier wachsenden Umweltbewegung, war Sunderlal Bahuguna zu einem Vortrag eingeladen. Sowohl bei ihm als auch bei Karl Partsch, einem Referent und Alpenschützer, war der Andrang so groß, dass beide, nacheinander, im größten Saal ihre Lichtbildervorträge abhalten mussten. Es folgte eine spannende Diskussion und beides inspirierte die anwesenden ASW Vertreter*innen zur Organisation von einwöchigen „Aktivseminaren“ im Allgäu. Sie starteten 1988 unter dem Motto „Abholzung im Himalaya, Waldsterben in den Alpen – verschiedene Ursachen, ähnliche Folgen“. Bald kam auch das Thema Klimaschutz hinzu und das Problem von Großstaudämmen in Indien.

 

Widerstand gegen Tehri-Staudamm im Himalaya

Ein weiteres großes Problem bedrohte die Natur und eine ganze Stadt, den Pilgerort Tehri, sowie eine Reihe Dörfer: Der geplante Tehri-Staudamm. Bahuguna und die Chipko Bewegung in der Region unterstützten mehr und mehr den Kampf des Anti-Tehri-Damm- Komitees gegen das Mega-Industrieprojekt. Trotz zahlreicher Demonstrationen vor Ort, des Hungerstreiks von Bahuguna, Petitionen an die Regierung sowie internationaler Unterstützung wurde der Damm mit einer rund 260 Meter hohen Staumauer gebaut, die Stadt Tehri und 112 Dörfern ganz oder teilweise zerstört. Ein See mit einer Fläche von 42,5 Quadratkilometern wurde aufgestaut – in einer erdbebengefährdeten, ökologisch sensiblen Region.

Die ASW führte Veranstaltungen und Protestbriefaktionen in Kooperationen mit anderen Organisationen durch. Sie gab ein Schwerpunktheft zum Thema Umwelt heraus mit einem langen Beitrag zu den sozialökologischen Folgen des geplanten Großstaudamms (März 1990).

 

Hungerstreik verzögert Tehri-Staudamm

Sunderlal Bahuguna wurde am 10. Mai 1995 mit vier anderen Aktivisten festgenommen, weil sie die Straße zur Baustelle des Tehri-Staudamms blockierten. Er begann seinen Hungerstreik und beendete diesen erst, nachdem die Regierung zusagte, die Bauarbeiten am Damm so lange ruhen zu lassen, bis eine Kommission das gesamte Projekt überprüft hat. Die ASW startete mit anderen eine Briefaktion an das Bundeskanzleramt und die ‚Chief‘ Ministerin von Uttarakhand zur Unterstützung dieser Forderungen. Die ‚Überprüfung‘ erfolgte im Eiltempo, einige wichtige Umweltfragen wurden ausgespart, der Bau im Herbst des Jahres fortgesetzt.

 

Kritik gegen Staudämme gestärkt

Ende der neunziger Jahre kam Sunderlal Bahuguna auf Einladung von urgewald e.V. in Kooperation mit der ASW noch einmal nach Berlin. Bei dieser Reise standen Besuche bei Ministerien im Mittelpunkt. Es ging u.a. um Proteste gegen Hermesbürgschaften für Firmen, die planten, Turbinen und weitere Technik zu liefern.

Der Damm konnte nicht verhindert werden, aber die kritischen Stimmen zu weiteren Staudammprojekten wurden verstärkt. Das zeigte sich bei den Protesten gegen die Narmadastaudämme. Das diesbezügliche Förderprogramm der Weltbank u.a. Geldgeber wurde in der entwicklungspolitischen Debatte hinterfragt, mit dem Ergebnis, dass die Umweltfolgen schon vorab in den Blick genommen und erteilte Auflagen besser überprüft werden sollten.

 

Ein Leben im Dienste der Menschen und der Natur

Die ASW und viele andere europäische Organisationen verdanken Sunderlal Bahuguna einen intensiven Informations- und Gedankenaustausch, z.B. auch über gewaltfreie Aktionsformen und die Förderung von internationaler Vernetzung. Nicht zuletzt beindruckte sie auch seine Persönlichkeit und die Beharrlichkeit, mit der er sich gemeinsam mit vielen Menschen in den Bergdörfern, sein ganzes Leben lang für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und, in seinen Worten, „die Wiederherstellung einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur“ engagiert hat.

Eine Ausgabe der unabhängigen Frauenzeitschrift Manushi widmete sich der Biografie von Sunderlal Bahuguna und seiner Frau Vimla bezeichnender Weise unter dem Titel: „Living for others (Leben für andere)“. In einem Interview sagte er, seine Frau habe die zeitintensive Arbeit und Auslandreisen immer unterstützt: „Sie hat mich ermutigt weiterzumachen“. Als er im Februar 1979 inhaftiert wurde, habe sie seine Rolle übernommen. „Auch meine Söhne haben sich, wenn immer es möglich war, für die Anliegen der Chipko-Bewegung eingesetzt“ (Chipko Message, Dehli 1992).

Sunderlal Bahuguna starb am 21. Mai 2021 im Alter von 95 Jahren an COVID-19. Der Umweltschützer bewirkte, das Chipko zu einer „Massenbewegung“ geworden ist, schrieb die India-News in ihrer digitalen Nachricht vom 21.05.21.

Von Reinhild Schepers