Herrschaftsknoten lösen

Nicht lockerlassen!

Es gibt keine einfachen Rezepte für Gerechtigkeit. Wer in der Entwicklungszusammenarbeit oder in sozialen Bewegungen arbeitet, weiß: Jeder Kontext ist anders – ob in Indien oder im Senegal, in indigenen Gemeinschaften oder in urbanen Frauenprojekten. Doch eines verbindet uns alle: Wir stehen inmitten einer globalen Krisenklemme – und wir müssen handeln.

Die Zerstörung des Öffentlichen und die Renaissance autoritärer Bewegungen

Der neoliberale Kapitalismus hat nicht nur Märkte dereguliert, sondern auch das Öffentliche zerstört. Öffentliche Strukturen werden zerschlagen, soziale Sicherheiten privatisiert, lokale Commons – also gemeinschaftlich genutzte Ressourcen – werden von privaten Akteuren geraubt. Damit verschwinden auch jene Räume, in denen Menschen früher Solidarität lebten. Diese Enteignung des Öffentlichen zieht sich durch alle Lebensbereiche – von Wasser und Bildung bis hin zur Sorgearbeit.

Gleichzeitig erleben wir weltweit eine Renaissance autoritärer Bewegungen. Rechte und faschistische Kräfte spalten Gesellschaften, schüren Misstrauen und Hass. Besonders perfide: Sie nutzen Anti-Feminismus und Anti-LGBTIQRhetorik als ideologischen Kitt. Frauenrechte, Geschlechtervielfalt und Emanzipation werden als Bedrohung der „alten Ordnung“ inszeniert – um Angst zu säen und Macht zu sichern. Diese Strategie funktioniert. Sie nutzt das Gefühl von Ohnmacht und macht die Schwächsten dafür verantwortlich.

Herrschaftsknoten sichtbar machen  – und lösen!

Doch Ohnmacht ist keine Option. Feministische Bewegungen, soziale Initiativen und solidarische Entwicklungsarbeit haben über Jahrzehnte gezeigt, dass Veränderung möglich ist – wenn wir die richtigen Knotenpunkte lösen. Denn gesellschaftliche Ungleichheiten sind miteinander verflochten: Geschlecht, Klasse, Ethnie, Sexualität, Zugang zu Ressourcen. Wer an einem Strang zieht, darf nicht riskieren, den Knoten dadurch enger zu machen. Das ist der Kern intersektionaler Politik: Gerechtigkeit für die einen darf nicht auf Kosten anderer entstehen.

Diese Herrschaftsknoten sichtbar zu machen – in der Sorgearbeit, in der Ernährungssouveränität, in Fragen von Gesundheit und sexueller Selbstbestimmung – ist die zentrale Aufgabe unserer Zeit. Und sie lässt sich nur lokal beantworten. In jedem Land, in jeder Gemeinde sind die Knoten anders geknüpft. Die Menschen vor Ort wissen, wo sie drücken. Unsere Aufgabe ist, zu fragen, zuzuhören, zu verbinden und Räume für selbstbestimmte Lösungen zu schaffen.

Laut und unangepasst bleiben!

Gleichzeitig müssen wir gemeinsam dem politischen Angriff auf Solidarität entgegentreten. Entwicklungszusammenarbeit wird zunehmend delegitimiert, internationale Kooperation durch Nationalismus ersetzt. Der alte Gedanke des Internationalismus – dass unser Handeln hier Auswirkungen dort hat – droht verloren zu gehen. Doch ohne ihn kann globale Gerechtigkeit nicht existieren.

Deshalb dürfen wir nicht in Abwehr verharren. Wir müssen laut werden. Für feministische Ansätze, für queere Rechte, für eine Politik, die die strukturellen Ursachen von Ungleichheit benennt – und sie nicht kaschiert. Auch wenn das unbequem ist. Vielleicht braucht es eine neue Sprache, um mehr Menschen mitzunehmen. Aber niemals eine angepasstere Haltung.

Unser Ziel bleibt das gute Leben für alle

Nicht für wenige, nicht für die Lautesten, nicht für die Privilegierten. Für alle, die täglich darum kämpfen, dass ihre Rechte, ihre Arbeit, ihre Würde zählen. Wir werden weiter an diesen Strängen ziehen – bis die Knoten sich endlich lösen.

Imke Rueben, inspiriert von einem Vortrag von Christa Wichterich