
Während Regierung und Agrarbusiness den Amazonasfluss zur billigen Exporttrasse umbauen wollen, blockieren indigene Gemeinschaften den Warenstrom und pochen auf ihre Rechte und den Schutz des heiligen Flusses.
Seit dem 22. Januar 2026 blockieren Angehörige von 14 indigenen Gemeinschaften die Zufahrt zu einem Soja-Terminal des Unternehmens Cargill in Santarém am Tapajós, einem der größten Nebenflüsse des Amazonas. Ursprünglich nahmen rund 150 Personen teil, bis Anfang Februar stieg die Zahl auf etwa 700, darunter viele Munduruku vom mittleren und oberen Tapajós. Auch viele unserer Partnerorganisationen sind beteiligt. Sie haben ein Protestcamp auf der Zufahrtsstraße errichtet, das den Lkw-Verkehr behindert, ohne das Betriebsgelände selbst zu besetzen.
Auslöser der Proteste: Laufende Baggerarbeiten im Flussbett des Tapajós
Die Proteste richten sich unter anderem gegen derzeitige Ausbaggerungsmaßnahmen im Flussbett des Tapajós. Aufgrund anhaltender Dürreperioden und niedriger Wasserstände soll die Fahrrinne ausgebaggert werden, um den bestehenden Schiffsverkehr der riesigen Frachtschiffe für den Export von Soja in die Atlantikhäfen aufrechtzuerhalten.
Identifizierte Umwelt- und Gesundheitsrisiken
Sowohl die Bundestaatsanwaltschaft als auch indigene Gemeinden warnen davor, dass die Baggerarbeiten Schwermetalle wie Quecksilber freisetzen und das Wasser durch aufgewirbelte Sedimente eintrüben könnten. Die belasteten Stoffe stammen aus dem illegalen Goldabbau. Durch das Ausbaggern droht sich die Wasserqualität des Flusses dauerhaft zu verschlechtern. Für viele Indigene und andere Flussanwohnende steht dabei viel auf dem Spiel: Sie leben vom Fischfang und sind auf sauberes Wasser angewiesen. Gleichzeitig wären auch die Lebensräume bedrohter Tierarten betroffen.
Der Ausbau ist jedoch mehr als nur ein lokaler Eingriff. Er steht exemplarisch für die zunehmende Industrialisierung und wirtschaftliche Vereinnahmung der Amazonasflüsse. Ein ausgebaggerter Fluss führt zu mehr und größeren Schiffen, zu größeren Binnenhäfen, mehr Straßen und eine Ausweitung von Sojaanbauflächen. Mit wachsender Logistik und intensiver Landwirtschaft schrumpfen Regenwald und intakte Ökosysteme. Das haben die letzten Jahrzehnte unmissverständlich gezeigt.
Die Forderungen der Demonstrierenden
Die Indigenen vom unteren, mittleren und oberen Tapajós fordern ein persönliches Treffen mit hochrangigen Regierungsvertreter:innen vor Ort, um die Baggerarbeiten und geplante Ausbauten zu besprechen. Videokonferenzen mit Vertreter:innen niedrigerer Ebenen werden abgelehnt; stattdessen soll ein Dialog „mit direktem Augenkontakt“ stattfinden. Die Protestierenden beschreiben den Tapajós als lebendigen Lebensraum, ihr Territorium und heiligen Ort, dessen Zerstörung ihr gesamtes Dasein bedroht – einschließlich der dort lebenden Fische, Tiere und Pflanzen.
Auch die Bundesstaatsanwaltschaft spricht sich für einen Vor-Ort-Dialog aus. Nach den staatlichen Vorgaben für Verfahren zu indigenen Angelegenheiten sollen diese möglichst persönlich und auf dem Gebiet der betroffenen Gemeinschaften stattfinden. Zudem wurden die betroffenen Gemeinschaften vor Beginn der Baggerarbeiten weder informiert noch konsultiert – entgegen den staatlichen Bestimmungen.
Die Flüsse sollen privatisiert werden
Im Kern geht es bei den Baggerarbeiten und bei diesem Konflikt jedoch um eine viel größere Bedrohung.
Der brasilianische Präsident Lula da Silva hat im August 2025 ein Dekret unterzeichnet, das große Abschnitte der Flüsse Tapajós (250 km), Tocantins (1.731 km) und Madeira (1.075 km) in das sogenannte Nationale Entstaatlichungsprogramm (PND) aufnimmt. Ziel ist die Vergabe von Konzessionen an private Unternehmen für den Ausbau und Betrieb der Flüsse, um den Soja-Transport aus dem Bundesstaat Mato Grosso enorm auszubauen. Dies gleicht einer Privatisierung der Flüsse und es wird den landwirtschaftlichen und infrastrukturellen Druck auf den Amazonasregenwald enorm verstärken.
Auch hier wurden die lokale Bevölkerung und die indigenen Gemeinschaften nicht angehört oder konsultiert, obwohl sich Brasilien durch die Ratifizierung der ILO-Konvention 169 zu einem solchen Vorgehen verpflichtet hat. Das Volk der Munduruku hat bereits 2015 ein detailliertes Konsultationsprotokoll erstellt, an das sich die Regierung halten muss.
Mit der Besetzung des Soja-Terminals werden somit die großen Bedrohungen des Amazonasregenwaldes verhandelt. Es geht nicht um den vergleichsweise kleinen Soja-Terminal, es geht um das unfassbare Ausmaß der Zerstörung und Ausbeutung des Amazonas und des angrenzenden Cerrado durch Unternehmen und Regierung. Die größten Abnehmer von brasilianischem Soja sitzen allerdings in der EU und in China.
Marek Burmeister

Mit Eingabe meiner E-Mail-Adresse willige ich ein, dass meine zuvor angegebenen Daten dazu genutzt werden dürfen, um mich noch individueller per Mail über Projekte der ASW zu informieren. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben, siehe www.aswnet.de/datenschutz. Diese Einwilligung kann ich jederzeit gegenüber der ASW widerrufen, z.B. über spenden(at)aswnet.de oder durch Austragen aus dem Newsletter.