Jugendliche des Netzwerkes in Recife im Nordosten Brasiliens

Jugendliche aus Favelas nehmen ihr Leben in die Hand

BRASILIEN

Irgendwo in einem Gemeindezentrum am Stadtrand der Metropole Recife sitzen 18 Jugendliche beisammen und tauschen sich über ihre aktuelle Situation aus. Endlich wieder ein Treffen in Präsenz! Das ist in Zeiten der Pandemie schon etwas außergewöhnlich, aber an diesem Tag und unter den vereinbarten Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich möglich. Davor konnten die monatlichen Zusammenkünfte, die der neue ASW-Partner AdoleScER zum Aufbau eines neuen Jugendnetzwerks organisiert, nur digital stattfinden.

AdoleScER ist im Nordosten Brasiliens aktiv, eine der ärmsten Regionen des Landes. Der Regierung stehen hier nur wenige Ressourcen für Bildung, Gesundheit und öffentliche Sicherheit zur Verfügung. Vor allem die Jugend leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Gewalt. Die Folge ist auch ein hoher Drogenkonsum.

Arbeitslosigkeit, Rassismus und Gewalt

Bereits seit 2000 arbeitet die AdoleScER-Gruppe hier mit den Jugendlichen armer Gemeinden und Favelas und begleitet sie dabei, in ihrer Umgebung Veränderungen zu erzielen. Am Anfang stehen Workshops in den einzelnen Gemeinden zur Fortbildung in Politik und Auseinandersetzung mit ihren Bürgerrechten. Wichtig zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins ist aber auch der Blick über den Gemeinde-Horizont. Daher fördert die ASW das beschriebene Jugendnetzwerk, in dem junge Menschen aus 10 Gemeinden vernetzt sind und sich monatlich über Themen wie die Bekämpfung von Rassismus und Gewalt austauschen.

So sind z.B. alle von ihnen mit verschiedenen Formen von Gewalt konfrontiert. In Brasilien sind 53 % aller Mordopfer Jugendliche und der Großteil der Morde geschieht in den Armenvierteln. Diese Ausprägung von Gewalt hängt mit der pauschalen Kriminalisierung der Menschen in den Favelas und mit Rassismus zusammen. 77 % der jugendlichen Mordopfer sind people of colour.

Jugendliche lernen von Jugendlichen

Methodisch setzt AdoleScER auf Peer-Education. Das heißt, die Jugendlichen lernen von und mit Gleichaltrigen, mit denen sie den sozioökonomischen Hintergrund und die Sprache teilen. Dies befördert auch kollektives Empowerment, da diejenigen, die lehren, nicht nur Wissen weitergeben, sondern in diesem Prozess selbst lernen.
Nach den Workshops werden stets Aktionen in Schulen und Gemeinden vorbereitet. Auf diese Weise entsteht ein Multiplikatoren-Effekt. Immer mehr Menschen in den Gemeinden beginnen, sich mit den sozialen Problemen zu beschäftigen und an einer gemeinsamen Lösung mitzuarbeiten. Dadurch wirken sich die Aktivitäten von AdoleScER positiv auf ganze Gemeinden aus.

Im vergangenen Jahr wurden die Stärkung der Frauen und Mädchen, sexueller Missbrauch und gewaltfreie Bewältigung von Konflikten thematisiert. Zudem wurde über Auswirkungen der Pandemie und über Möglichkeiten des Schutzes gesprochen. Dabei entstand auch ein Rap Song über Möglichkeiten der Prävention einer Covid-19-Infektion, der von den Jugendlichen in Eigenregie produziert und über soziale Medien verbreitet wurde (unbedingt anhören: https://www.youtube.com/watch?v=3Eu9zcaE2Jc)

Außerdem fanden Umweltaktionen statt, um Müll auf den Straßen und in den Schulen zu beseitigen. Ende des Jahres sind öffentliche Anhörungen in den Gemeinden mit Vertreter:innen der Öffentlichkeit von Recife geplant. Der geplante Austausch mit dem Jugendnetzwerk des ASW-Partners UNIPOP im 2.000 km entfernten Belém wurde aufgrund der Pandemie verschoben, aber es gab virtuelle Netzwerkrunden mit Jugendlichen aus Belém. Fahrtkosten konnten in Handyguthaben umgewandelt werden und machten diese ersten Schritte möglich!